„Staub ist der Gegenpol zur Bedeutung“

Siegen.. Ein Mann hockt auf dem Boden des Archivs im Museum für Gegenwartskunst. Mit einem Pinsel stochert er in einem Spalt herum. „Hab ich dich“, sagt Wolfgang Stöcker fröhlich und hält eine Wollmaus in die Höhe – offenbar ein Prachtexemplar seiner Art. Es wandert zu seinen Freunden in eine Plastikdose. Der Kölner Künstler ist der vermutlich weltweit einzige Staubarchivar. Für eine Ausstellung in der Siegener Art Galerie sammelt er nun neue Proben.

„Staub bedeckt Schumacher wie Dürrer“

„Ich kein Freund der maschinellen Art“, begründet Stöcker, warum er keinen Staubsauber benutzt. Beim Kehren würde er sehen , was er da sammelt. Während er über die möglichen Definitionen von Staub spricht, streicht er mit dem Pinsel über alte Katalogbände. Er sehe Staub nicht wissenschaftlich, sondern würde Organisches wie Insekten und Nichtorganisches wie Steinchen mit aufnehmen, um den ständigen Verfall zu dokumentieren. „Staub kommt immer wieder – obwohl man ihn in der Natur nicht findet“. Er bedecke einen Schumacher ebenso wie einen Dürer – im Ausstellungsraum des Museums hat er schon gesammelt, aber „da war es mir fast zu sauber“ – hier unten sei es viel natürlicher. Die Menschen wollten Kultur sauber-halten, dabei sei das alles Materie. „Und wer entscheidet, was erhaltenswert ist und nicht zerbröseln soll?“

Am Staub könne man Aspekte eines Ortes festmachen. Die Probe aus der Oper in Sydney zum Beispiel ist versetzt mit Kostümfetzen. Auf das Exponat ist er stolz. Ein Staubscout – dafür kann man sich bewerben – hat ihm die Probe geschickt. Und beim Sammeln einen riesigen Verwaltungsakt ausgelöst, weil das dortige Personal sah, wie er Dreck in einen Plastikbeutel stopfte. Denn nicht alle sind begeistert über das Projekt „Deutsches Staubarchiv“. „Kirchen fühlen sich oft verulkt und Politiker haben Angst, dass man etwas herausfindet“, so der Künstler. Dabei hätte er so gerne ein paar Fussel aus dem Weißen Haus in seiner Sammlung. Den amerikanischen Regierungssitz schreibt er seit drei Jahren an. Ganz förmlich, wie bei allen Anfragen. 2004 verschickte er den ersten Brief. „Ich wollte damals sehen was passiert, wenn ich einen Begriff wie das Staubarchiv in die Welt setze.“ Und tatsächlich reagierten viele positiv.

300 Proben lagern
in Aktenordnern

Mittlerweile hat er Proben von der Chinesischen Mauer, aus der Felsenstadt Petra und von der Klagemauer. Etwa 300 Beutel befinden sich in seinem Arbeitszimmer – akribisch in Aktenordnern verstaut. Vor allem seine Korrespondenz sei lesenswert. Geordnet ist alles in Kultur, Sakral, Landraum, Politik und Musik. Letzteres beinhaltet Staub aus berühmten Instrumenten. Bevor es diese Kategorie gab, habe ihm jemand Staub aus einer Stradivari angeboten. „Ich habe damals abgelehnt und ärgere mich immer noch.“

Die Wollmäuse aus dem Museum für Gegenwartskunst – das hat Stöcker ausgewählt, weil es in diesem Jahr sein zehnjähriges Bestehen feiert – wird in der Art Galerie in einem „Staubschrein“ zu sehen sein. „Was das ist, verrate ich noch nicht“, sagt Michael Stöcker und lächelt.

 
 

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