Start-ups aus Siegen: Vom Hörsaal auf den Chefsessel

Da geht's lang. Die Gründer und Geschäftsführer Sven Hoberock und Julius Dücker wagten den Schritt vom Hörsaal auf den Chefsessel
Da geht's lang. Die Gründer und Geschäftsführer Sven Hoberock und Julius Dücker wagten den Schritt vom Hörsaal auf den Chefsessel
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Im Artur-Woll-Haus wird quergedacht. Fünf Start-ups sind hier zu Hause. Eins davon ist das junge Unternehmen examio – eine BWL-Plattform mit rund 50 Online-Kurse zu Betriebswirtschaft. Die Idee dazu hatten die Gründer Sven Hoberock und Julius Dücker während einer besonders langweiligen Vorlesung.

Siegen..  Beim Artur-Woll-Haus hatte der Architekt wohl etwas gegen lotrechte Kanten. Hier stehen alle Wände schief. Die Botschaft: hier wird quergedacht. Denn es bietet fünf Start-ups ein Dach. Das sind Jungunternehmen, meist gegründet von ambitionierten Uni-Absolventen. Vom Hörsaal direkt in den Chefsessel – aber nur mit Ideen und Mut zur Selbstständigkeit.

Sven Hoberock und Julius Dücker wagten diesen Schritt. Die beiden haben ihr Diplom in Wirtschaftsrecht von der Uni Siegen. Während einer besonders langweiligen Vorlesung kam ihnen die Idee: „Wir haben uns gefragt: ,Kann man diesen Stoff nicht irgendwie anders präsentieren?’“

Kurzerhand schrauben die beiden einen Online-Kurs zum Thema Buchführung zusammen. Als sie merken, dass Leute dafür bezahlen, kam eine ganze BWL-Plattform hinzu: „Wir haben dann am schwarzen Brett nach Leuten gesucht, um die Kurse zu schreiben. Wir schauten, wer ist richtig gut, wer gibt zum Beispiel Nachhilfestunden?“, erinnert sich Dücker.

Diese Entwicklung sei relativ untypisch, ordnet Frank Ermert vom Gründerbüro der Uni Siegen das Gesagte ein: Zwar „spielt sich viel im IT-Bereich ab.“ Deshalb würden Gründergeschichten aber selten in reinem BWL-Tonfall erzählt. „Die eigentliche Idee ist technischer Natur. Daher kommen die meisten Gründer aus der Wirtschaftsinformatik.“

Der Umsatz ist bereits sechsstellig

Dücker und Hoberock haben ihre IT-Kenntnisse nebenbei erworben. „Ich kann zwar etwas programmieren, bin aber kein Weltmeister“, sagt Hoberock. Allerdings: „Heute haben wir mit mehr und mehr organisatorischen Punkten zu tun. Eine Kombination aus BWL und Jura ist da das beste Rüstzeug.“

Als es dann ernst wurde, musste aber ein Programmierer her. Auch die Inhalte wurden zunehmend professionell betreut. Entstanden ist daraus ihr Unternehmen examio. Heute bietet es rund 50 Online-Kurse zu Betriebswirtschaft, zu Steuerrecht, und zur Vorbereitung aufs Abitur. Beschäftigt werden zwei Programmierer, dazu ein Team von sechs studierenden Teilzeitkräften und rund 30 Autoren. 15 000 registrierte Benutzer gibt es alleine auf der BWL-Plattform Wiwiweb. Letztes Jahr überschritt das Unternehmen erstmals die sechsstellige Umsatzmarke.

Starthilfe vom Gründerbüro

Der Weg dahin war steil. Dücker erzählt: „Wir sind sehr blauäugig beim Gründerbüro aufgeschlagen, nur mit unserer Idee und einem Umsatz von ein paar Euro fünfzig.“ Das Feedback war positiv. Und die Initialzündung für weitere Starthilfe, etwa in Form kostenloser Büros: „Ohne Erträge kann man keine Räume für 400 Euro mieten. Dann wären wir sofort pleite gewesen“, rechnet Dücker vor.

Die nächste Hürde war der sogenannte Businessplan. Der soll Investoren das Geschäftsmodell nahebringen. Ohne eine überzeugende Aufstellung fließt kein Geld. Hoberock und Dücker legten ihre Idee dem Siegerlandfonds vor, eine Tochter der Sparkasse. Der Fonds war angetan. Der Investor schießt Geld nach, um die Lücke zwischen Erträgen und Aufwendungen erst einmal zu schließen. Allerdings knüpft er es an strikte Vorgaben. In den vergangenen Jahren konnte examio seine Umsätze je stets mindestens verdoppeln. „Wenn die Verdopplung nicht gekommen wäre, hätten wir ein Problem“, schränkt Hoberock ein. Aber: „Wir haben bis jetzt jede Kennzahl erreicht.“ „Das Ziel für 2014 ist die schwarze Null“, kündigt Dücker an.

Bei vielen Start-ups dauere es viel länger, bis sie aus den roten Zahlen herauskommen, betonen sie. Aber auch examio hat sich von innen finanzieren müssen: Alle Profite wurden direkt wieder ins Programmieren und Schreiben investiert. Den Gründern verlangt das einiges an Sitzfleisch ab. Hoberock, der nach dem Studium erst einmal in die Wirtschaft ging, nimmt das deutlich wahr: „Ich verdiene nur einen Bruchteil dessen, was ich als Steuerberater hatte.“ Sein Kompagnon Dücker weiß von Anfangsjahren zu berichten, „in denen man auch mal 100 Euro im Monat“ nach Hause brachte.

Nur wenige wagen den Schritt

Das sei ein Grund, warum nur ein Bruchteil der Studierenden den Schritt zur Selbstständigkeit wagen, urteilt Gründungsexperte Ermert: „Wenn es 9 Prozent eines Jahrgangs wären, wäre das viel. Es hängt immer auch von der Konjunktur ab. Wenn die Arbeitslosenquote hoch ist, wird Gründen attraktiver.“ Dücker denkt da optimistischer: „Das ist die Chance unseres Lebens.“

 
 

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