Staatsanwalt ermittelt in Flüchtlingsunterkunft Burbach

Steffen Schwab
In der ehemaligen Siegerlandkaserne werden seit September 2013 Flüchtlinge untergebracht. Im  Raum stehen Überlegungen des Landes, die Einrichtung ab Mitte 2017 auf einen Stand-By-Betrieb zurückzufahren.
In der ehemaligen Siegerlandkaserne werden seit September 2013 Flüchtlinge untergebracht. Im Raum stehen Überlegungen des Landes, die Einrichtung ab Mitte 2017 auf einen Stand-By-Betrieb zurückzufahren.
Foto: Hendrik Schulz
  • Mutmaßliches Opfer: Mit Sicherheitsdienst-Mitarbeiter Alkohol getrunken
  • Zeuge: Bewusstlose Frau ins Auto gelegt und davongefahren
  • Bezirksregierung: Man gehe etlichen Punkten nach

Burbach. Gut sechs Wochen nach den ersten Veröffentlichungen verdichten sich die Hinweise nun doch, dass Bewohner der Burbacher Erstaufnahmeeinrichtung Opfer von Straftaten geworden sind. Denn inzwischen hat die 35-jährige Frau, die aus Albanien geflüchtet ist, bei der Staatsanwaltschaft ausgesagt, was ihr Anfang Februar widerfahren ist: Sie habe den Mann namentlich benannt, mit dem sie Alkohol getrunken habe, bis sie plötzlich das Bewusstsein verlor — und anderntags ohne Erinnerung an einem anderen Ort wieder aufwachte. „Wir führen mit Nachdruck ein Ermittlungsverfahren“, bestätigt Oberstaatsanwalt Johannes Daheim.

Ende Juni noch hatte Daheim die Vermutung äußern müssen, dass der Verdacht gegen Betreiber und/oder Sicherheitsdienst sich nicht zu bestätigen scheine — zu diesem Zeitpunkt hatte eine bereits von der Bezirksregierung eingesetzte Taskforce nach Zeugen gesucht und war damit nicht auf Resonanz gestoßen. Der Vorwurf, das Personal der Einrichtung habe sich sexuell an Bewohnerinnen vergangen, blieb im Raum stehen. Ende Juli, so Benjamin Hahn, Pressesprecher der Bezirksregierung, hätten zwei albanische Brüder sich dann doch gegenüber der Taskforce geäußert. Bei dem vierstündigen Gespräch hätten sich „etliche Punkte ergeben, denen wir nachgehen“.

Zeugen äußern sich im WDR

Am Freitag schließlich sendete der WDR in seiner „Aktuellen Stunde“ einen Beitrag, in dem sich sowohl die 35-jährige Frau äußert als auch ein 22-jähriger Zeuge. Ein albanischer Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes habe sie gefragt, ob sie mit ihm „etwas trinken“ wolle. Sie wolle nicht, sie sei traurig, habe sie gesagt. Das vergehe dann schon, soll er geantwortet haben. „Da er ein Landsmann ist, habe ich ihm geglaubt.“ Nach drei Getränken, so berichtet die Frau weiter, „habe ich plötzlich das Bewusstsein verloren.“ „Sie fiel plötzlich auf den Boden“, berichtet der 22-Jährige über das Geschehen vor der Unterkunft. Er habe der Bekannten zur Hilfe eilen wollen, sei aber von der anwesenden Gruppe von acht bis zehn Sicherheitsdienstlern abgedrängt worden. Die Frau sei in ein Auto gelegt worden, der Mercedes sei „mit großer Geschwindigkeit“ davongefahren.

Was der Frau in den zwei Tagen widerfahren ist, in denen sie aus Burbach verschwunden ist, weiß niemand. Ein albanischer Sozialbetreuer wird in dem WDR-Beitrag mit seinem Versuch zitiert, den Vorfall aufzuklären. Dass er sich deshalb bereits Anfang März an den DRK-Landesverband gewandt habe, wird dort bestritten — Ende Juni bestätigen die DRK-Betreuungsdienste Westfalen-Lippe, dass zwei ihrer Mitarbeiter von der Polizei befragt worden seien: „Wir nehmen diese schwerwiegenden Anschuldigungen sehr ernst.“ Als der Sozialbetreuer droht, sich an einen Fernsehsender zu wenden, wird er Anfang März suspendiert und einen Monat später abgemahnt. Als die 35-jährige Albanerin Ende Juni erstmals von der Staatsanwaltschaft befragt werden soll, schweigt sie — aus Angst. Mittlerweile wird sie anwaltlich vertreten.

„Bock zum Gärtner gemacht“

Die Schilderung des Sozialbetreuers fügt sich in ein Bild, das seit mehreren Monaten gezeichnet wird: zum einem im Blog „Ruhrbarone“, zum anderen von der Initiative „Refugees Welcome“ in Bonn — dort lebten die beiden albanischen Brüder, die bei der Siegener Polizei als Zeugen ausgesagt hatten, in einer Flüchtlingsunterkunft. Sie mussten, gegen ihren Willen, Burbach verlassen.

Die Vorwürfe der Unterstützer der Geflüchteten, Nachforschungen zu womöglich systematischer sexueller Ausbeutung von Geflüchteten zu hintertreiben, richten sich gegen Mitarbeiter von Bezirksregierung, DRK und Sicherheitsdienst. Recherchen in Facebook-Profilen von Mitarbeitern des Sicherheitsdienstes führen die Autoren zu der Annahme, dass diese rechtsgerichteten, fremdenfeindlichen Gruppierungen nahestehen. In Burbach, so die Folgerung von „Refugees Welcome Bonn“, könne man sich „des Eindrucks kaum erwehren, dass mit dem Einsatz solcher Personen (...) sprichwörtlich der Bock zum Gärtner gemacht wurde.“

„Wir erwarten von allen, dass sämtliche Vorwürfe restlos aufgeklärt werden“, sagt Benjamin Hahn für die Bezirksregierung. Die Frage nach Konsequenzen stelle sich erst danach. „Wir behalten uns diverse Optionen vor.“ Dazu gehöre auch die Kündigung der Verträge mit der Bewachungsfirma, „sollte sich herausstellen, dass da wirklich was dran ist“.