Siegener gibt Tipps, wie man genussvoll vegan leben kann

Hendrik Schulz
Vagane Ernährung bedeutet nicht Verzicht, meint Ulrich Bender aus Siegen.
Vagane Ernährung bedeutet nicht Verzicht, meint Ulrich Bender aus Siegen.
Foto: WP
Ulrich Bender sieht nicht aus wie ein Klischee-Veganer. Er ist eher der Lehrer-Typ: gemütlich, Vollbart, Brille. Ein Genussmensch sei er, erzählt er und er erzählt gern. Bender ist ein „vegan buddy“ und findet den Begriff ziemlich unpassend. Der Siegener gibt Menschen Tipps, die vegan leben wollen. „Veganer Berater“ treffe es besser, sagt er.

Siegen. Salat, Gemüse - und wieder Salat. Veganer werden oft mit dem Vorurteil konfrontiert, ihre Ernährung sei vor allem eins: Verzicht. Dass vegane Ernährung aber mehr ist, als der Verzicht auf Fleisch und tierische Produkte, das weiß Ulrich Bender aus Siegen. Der Veganer ist ein Genussmensch und gibt Menschen Tipps, die vegan leben wollen. Im Interview erklärt er, warum vegane Ernährung kein Verzicht ist, sondern eine Bereicherung sein kann.

Frage: Musste Ihre Familie überzeugt werden, vegan zu leben?

Bender: Im Gegenteil, meine vegane Tochter hat mich überzeugt. Vegetarier wurde ich mit 26, heute bereue ich, dass ich so spät Veganer wurde. Übrigens sind wir zwei Vegetarier und drei Veganer in der Familie, plus die Hunde, die sich bester Gesundheit erfreuen. Das ist zum Beispiel das Perverse: Mit der einen Hand den Hund streicheln und mit der anderen Schnitzel essen, ist doch Heuchelei.

Kann man das so gleichsetzen?

Tiere sind alle gleichwertige Lebewesen. Wir wurden ein Leben lang auf Fleisch konditioniert. Veganer setzen sich für Tier- und damit für Menschenrechte ein: Für ein Kilo Rindfleisch braucht man 15 Kilo Getreide. Gerecht verteilt könnte man die Welt zweimal ernähren. Menschen hungern, weil wir Fleisch essen.

Der veganen Lebensweise wird oft mangelnde Ausgewogenheit vorgeworfen.

Völliger Quatsch. Unser oberstes Gebot ist die gesunde Ernährung! Aber alles Tierische ist ersetzbar, einzig Vitamin B12 ist etwas unterrepräsentiert. Aber im Mikrogrammbereich, das nimmt man einfach ergänzend zu sich. Das pflanzliche Spektrum an Lebensmitteln ist riesig. Man setzt sich zwangsläufig mit dem Essen auseinander und lebt daher bewusster. Vegan sein hat zwei Vorteile: Gutes Gewissen und gute Gesundheit.

Lockt Sie nicht trotzdem manchmal ein saftiges Steak?

Wir veranstalten genauso Grillabende wie jeder andere auch. Und seien Sie doch mal ehrlich: Fleisch pur schmeckt nach nichts. Geschmack kommt durch Gewürze. Und dann kann man’s auch mit Tofu machen.

Ist es weniger schlimm, wenn Fleisch von „glücklichen Kühen“ kommt? Die haben wenigstens ihr Leben artgerecht auf der Weide gelebt.

Aber am Ende ist es Mord ohne Not, ohne Unterschied. Unsere Vorfahren brauchten Fleisch zum Überleben, wir heute aber nicht mehr.

Manch ein Veganer legt einen missionarischen Eifer an den Tag. Werden so nicht Sympathien verspielt?

Man rennt in der Tat nicht gerade offene Türen ein. Andere über Unrecht aufzuklären, ist aber nicht falsch. Jeder hat Überzeugungen, das ist sein gutes Recht und oft macht der Ton die Musik. Ich kann es aber verstehen, dass mancher Veganer wütend wird und lieber einen schlechten Ruf riskiert, als zu schweigen.

Wie überzeugen Sie?

Manche werden durch Filme über die Zustände in Schlachthöfen aufgeschreckt, Ferkelkastration bei vollem Bewusstsein, Häutung bei lebendigem Leib. Andere überzeugt ein gutes Menü. Momentan ist vegane Lebensweise ja außerdem ein Trend. Wir werden aber wohl keine große Strömung in der Mitte der Gesellschaft. Es kommen wenig Anfragen an mich als veganer Berater.

Ist es entbehrungsreich, seine Lebensweise umzustellen?

Es ist im Gegenteil sehr leicht, kein Verzicht, sondern eine Bereicherung. Auch hier in der „Provinz“. Ich habe so viel entdeckt, das ich sonst nie kennengelernt hätte. Wir kennen nur den klassischen Dreiklang Fleisch – Beilage – Gemüse. Veganer denken so nicht.

Aber viele Produkte imitieren doch Fleisch. Gemüsefrikadellen zum Beispiel.

Für meine Ernährung soll niemand sterben, es soll schmecken und gesund sein. Alles andere ist mir egal. Wenn fleischfreie „Vurst“ so geschrieben wird, ist es mir recht, solange niemand gequält wurde. Und man sollte sowieso alles mal probieren.

Tierische Inhaltsstoffe sind ja oft gut versteckt...

Allerdings, es gibt viele Fallen. Ich habe mal Veggie-Gummibärchen gesehen, die mit Schweinegelatine hergestellt waren, dafür aber bio. Völlig Absurd. Man muss sehr aufs Kleingedruckte achten. Wein wird mit tierischer Gelatine gesäubert, nicht auf der Flasche deklariert. Schuhe sind schwierig: Ich hatte fast perfekte gefunden – aber mit schmalem Lederrand.

Kaufen und das Leder entfernen wäre nicht gegangen?

Damit hätte ich das perverse System doch unterstützt. Wir Veganer boykottieren die Verhältnisse im Kleinen. Wir Menschen sind die einzige Art auf der Welt, die die Muttermilch einer anderen Art trinkt und dazu die Tiere künstlich schwanger hält. Kein Eichhörnchen würde einen Elefanten anzapfen! Kalbfleisch wurde erfunden, weil männliche Kälber für die Fleisch- und Milchindustrie nicht taugen und schnell entsorgt werden sollen. Fragen Sie sich mal, warum kaum Stiere auf den Weiden stehen.