Sensationsfund der Archäologen im Unteren Schloss in Siegen

Florian Adam
Im entkernten Wittgensteiner Flügel des Unteren Schlosses in Siegen ergeben sich nach Entfernung der Böden neue Einblicke in die Geschichte. Die Archäologen untersuchen unter anderem eine alte Küchenabfallgrube – und stießen dabei auch auf Austernschalen.
Im entkernten Wittgensteiner Flügel des Unteren Schlosses in Siegen ergeben sich nach Entfernung der Böden neue Einblicke in die Geschichte. Die Archäologen untersuchen unter anderem eine alte Küchenabfallgrube – und stießen dabei auch auf Austernschalen.
Foto: WP
Beim Umbau des Wittgensteiner Flügels im Unteren Schloss in Siegen eröffnen sich für Archäologen neue Perspektiven. Unter anderem fanden sie Beweise für eine Judengasse im 15. Jahrhundert.

Siegen. Frau Gräfin mochte Austern. Bei Ausgrabungen im Wittgensteiner Flügel des Unteren Schlosses entdeckten Archäologen Schalen der Delikatesse in einer alten Grube für Küchenabfälle. Viel aufregender als die Frage, wo die glibberige Gaumenfreude für Sophie Polixena Concordia Gräfin von Wittgenstein fernab jeder Küste eigentlich herkam, ist für die Wissenschaftler aber etwas Anderes: Sie fanden Beweise für die „Judengasse“, deren Existenz bisher nicht erwiesen war.

Mauerreste eines Steinkellers deuten auf Judengasse hin

„Unerwarteterweise stießen wir unter dem tristen Betonpflaster des Innenhofs auf eine Sensation“, sagt Dr. Gerard Jentgens aus Steinfurt, der im Auftrag des Bau- und Liegenschaftsbetriebs (BLB) die Untersuchung leitet. Der BLB ist zuständig für den Umbau des Schlosses für den Campus Siegen-Mitte und zog die Archäologen frühzeitig hinzu. Die Sensation, von der Jentgens spricht, sind Mauerreste eines Steinkellers, den die Experten eindeutig der Judengasse zuschreiben.

Scherben von Keramikgefäßen lassen eine zeitliche Einordnung ins 15. Jahrhundert zu. „Die Lage der Judengasse in Siegen war bisher nicht bekannt“, erklärt Jentgens – sie sei lediglich in einzelnen historischen Quellen erwähnt. Mit dem Fund sei „erstmalig der Nachweis erbracht für eine nennenswerte jüdische Ansiedlung in Siegen“ zu dieser Zeit. Davon sei die Forschung bisher nicht ausgegangen. Jentgens: „Es ist einer der seltenen Glücksfälle, in denen die Archäologie auf konkrete historische Fragestellungen antwortet.“

Totalumbau des Wittgensteiner Flügels

Der Totalumbau des Wittgensteiner Flügels schafft erstaunliche Perspektiven. „Vor zehn Tagen wurden die Betonböden herausgebrochen. Damit öffnet sich ein Fenster in die Vergangenheit“, sagt Teamleiter Jentgens. Alte Grundmauern und Bodenbeläge, die Aufschluss über frühere Grundrisse und Raumaufteilungen geben, kamen so zum Vorschein.

Bisherige Ergebnisse der Ausgrabungen im Wittgensteiner Flügel 

Kurz nach der Erbauung im Jahr 1717 diente der Wittgensteiner Flügel als Remise. Dort wurden Kutschwagen und Gerätschaften aufbewahrt. Direkt angrenzend gab es eine Küche. Die Fachleute fanden Scherben von Töpfen, Pfannen, Geschirr und Gläsern, außerdem die Abfallgrube, in der unter anderem die Austernschalen lagen.

Ein gläsernes Tintenfässchen dürfte Zeuge der Zeit sein, als der Flügel die fürstliche Verwaltung oder – im 19. Jahrhundert – die Postverwaltung beherbergte. Ein massives Gitterschloss und eine abgenutzte Nylonzahnbürste erinnern an die Zeit als Gefängnis.

An den meisten Stellen stoßen die Ausgrabungen bereits auf den Felsuntergrund. Weitere Funde sind dennoch nicht ausgeschlossen, wie Jentgens erläutert. Theoretisch könnten die Forscher noch auf Dinge stoßen, die in den Fels eingearbeitet sind.

Gräfin Sophie, auf deren Menüplan die Austern gestanden haben dürften, bewohnte im 18. Jahrhundert während ihrer Witwenschaft übrigens das Obergeschoss des Gebäudetrakts. Nicht nur ihre Essgewohnheiten, auch die Ausstattung ihrer Gemächer war standesgemäß: Die Archäologen entdeckten bei den Ausgrabungen auch barocke Gesimse, die bei Umbauten im 20. Jahrhundert als Material für Fundamente endeten.

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