Senioren-Theater-Siegen – Geschichten aus dem eigenen Leben

Foto: Max Amos
Das Senioren-Theater Siegen hat erneut ein Stück eingeprobt. Ein sehr persönliches: Die Schauspieler erzählen darin viel aus ihrem Leben.

Siegen..  Jetzt sitzen sie da, die älteren Herrschaften. Alle nebeneinander auf Hockern unter dem Schild „Bahnhof Siegen“. Da schallt die Bahnsteig-Durchsage aus dem Off: „Der Zug nach Bad Glockstätt hat eine halbe Stunde Verspätung“. Alle schauen sich entrüstet an und sogleich entbrennt eine Diskussion. Was hätte man alles mit dieser Zeit anfangen können? Einen Kuchen backen vielleicht? Oder die Küche putzen?

Alterschnitt auf der Bühne 80 Jahre

Zeit ist das Thema des neuen Stücks „Da steckt man nicht drin!“ des Seniorentheaters Siegen. Wie schnell sie vergeht und was man am besten mit ihr anfängt. Naturgemäß ist es so, dass Menschen mit reichlich Lebenserfahrung dazu besser Auskunft geben können, als jemand, der noch am Beginn seines Lebens steht. Und so haben die Mitglieder der Theatergruppe reichlich Erfahrung einzubringen, der Altersschnitt der elfköpfigen Truppe inklusive Regisseurin liegt irgendwo bei 80 Jahren.

„Wir sind alle in einem ähnlichen Alter und was die anderen erzählen, kenne ich auch von mir selbst“, sagt Annelie Geyer, die zum zweiten Mal bei einem Stück der Gruppe dabei ist und einmal pro Woche aus Dillenburg anreist. Das Stück hat die Gruppe selbst geschrieben und eigenen Erfahrungen eingebracht. „Jeder hat für sich überlegt, was für ihn in seinem Leben wichtig war und was für Geschichten er zu erzählen hat.“ Angst, die eigenen Geschichten vor Publikum aufzuführen, habe sie nicht: „Man sollte Dinge im Nachhinein mit etwas mehr Gelassenheit und einem gewissen Humor sehen können und so geht es mir. Ich veräpple mich ein bisschen“.

Die Sehnsucht, Zeit zu kaufen

Als der Zug schließlich doch noch eintrifft, geht es ins fiktive Bad Glockstätt, wo ein neuer Laden eröffnet hat. Dort soll es möglich sein, Zeit zu kaufen. Was Art und Umfang der gewünschten Zeit angeht, haben die nun eintreffenden Kunden unterschiedliche Vorstellungen. Eine Dame möchte gerne noch einmal die Hochzeit mit ihrem Ehemann erleben, eine andere Tanzstunden nehmen. Ein stimmgewaltiger Herr will noch einmal jung sein, um eine Karriere als Opernsänger in Angriff zu nehmen. Annelie Geyer, die eine herrliche Darbietung einer Frau zeigt, die ihr Leben damit zugebracht hat, die perfekte Hausfrau zu sein und nun ihre geliebten Sammeltassen gegen Zeit eintauschen möchte, sagt dazu: „Natürlich hat jeder irgendwo eine Sehnsucht. Die Zeit, in der man noch ausgelassen und ohne Bindung war, ist mir bekannt und ich kann das gut verstehen“.

Nicht nur für ältere Menschen

Dies alles macht das Stück sehr persönlich, wie auch Regisseurin Beate Gräbener sagt. „Das merkt man auch bei den einzelnen Personen und macht die Geschichte so interessant und spannend.“ Das Thema sei nicht nur für die ältere Generation interessant. Gerade als junger Mensch könne man sich die Frage stellen, was man mit seinem Leben anfangen wolle.

Über mangelndes Interesse kann sich die Theatergruppe nicht beklagen, die Aufführungen an den kommenden zwei Sonntagen im Siegener Lyz sind bereits ausverkauft.

Ein wenig mehr Unterstützung wünscht sich Gräbener für ihre Gruppe, die schon bei einigen Preisverleihungen ausgezeichnet wurde: „Wir haben zu wenig ausgebildete Fachkräfte, zu wenig Räume und finanzielle Mittel.“ Zwar bekomme man die Einnahmen aus den Stücken, doch Theaterräume müsse man mieten. Missen möchte sie die Gruppe dennoch nicht: „Das ist das beste, was ich bisher gemacht habe. Ich empfinde es als unglaublich bereichernd und es hilft vielen, persönliche Dinge aufzuarbeiten.“

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