Science Slam mit Blick nach Entenhausen

Ein Laborkittel ist für Slam-Moderatorin Dr. Christine Tretow (rechts) quasi Berufskleidung. Die Teilnehmer (3. von links: Sieger Johannes Hinrich von Borstel) mögen es zivil.
Ein Laborkittel ist für Slam-Moderatorin Dr. Christine Tretow (rechts) quasi Berufskleidung. Die Teilnehmer (3. von links: Sieger Johannes Hinrich von Borstel) mögen es zivil.
Foto: Wolfgang Leipold
Auch der zweite Science Slam im Apollo-Theater bringt neue Erkenntnisse – unter anderem über Comic-Enten, Herzmassgen und Imposex.

Siegen. „Die Gefühle spielen verrückt. Die Zeit der Paarungen beginnt.“ So beschreibt Science Slam-Initiatorin Dr. Christine Tretow die Frühlingszeit und das Motto des Abends „Liebe und Triebe.“ Und selbst Giuseppe Todaro, ihr Assistent („Il gondoliere di Kreuztal“) schwebt auf Flügeln über die Apollo-Bühne, um dann seiner Arbeit nachzugehen: Die Jury auszuwählen, die die Aufgabe hat, die Vorträge zu bewerten. Und zwar mit den Noten 1 bis 10. Ein bunter Querschnitt meldet sich. Von Jana, der Abiturientin, bis Markus, dem Architekten, von Julius, dem vorzüglich gekleideten Schüler mit Freikarte, bis zu Peter, dem Wirtschaftsprofessor, von Ute, der Ärztin, bis Ilke, der pensionierten Realschullehrerin.

Suche nach Entenhausen

Doch die Hauptpersonen des Abends sind die Slammer, deren Aufgabe es ist, ihr Forschungsgebiet in zehn Minuten verständlich, anschaulich und unterhaltsam darzubieten. Uwe Lambach, Pilot der Lufthansa und „Donaldist“ beschäftigt sich mit der Frage, wo Entenhausen liegt und warum es dort das Dezimalsystem gibt, obwohl Enten doch nur acht „Finger“ haben. Einer der Wettbewerber hat Heimvorteil: Tobias Scholz, Doktorand an der Uni Siegen. Sein Thema: Roboter als Mitarbeiter. Doch sein Vortrag enthält nichts Außergewöhnliches und lässt das Publikum relativ kalt.

Imposex und Impotenz

Noch um 15 Uhr hatte er ganz andere Pläne. Doch da erreicht Dr. Christian Krumm in Krefeld die Anfrage, ob er für einen kurzfristig ausgefallenen Slammer einspringen kann. Krumm kann, und wie! „Lernen wir aus der Geschichte?“, fragt er. Ein Feuerwerk an Informationen prasselt auf die amüsierten Zuhörer, garniert mit Slapstick-Pannen aus dem Fernsehen und skurrilem Pseudo-Wissen: Die durchschnittliche Penis-Länge der Deutschen rangiert im internationalen Vergleich im unteren Mittelfeld, einen Platz hinter Bulgarien. Und: Hitler hat bis 1964 gelebt. Er war Schichtleiter in einem argentinischen VW-Werk. Die Stimmung im Theater kocht zum ersten Mal hoch. Der Lohn der Jury: 2. Platz.

Ein heikles Thema bei Männern ist Impotenz. Und genau der widmet Dr. Jörg Klug, Molekularbiologe an der Uni Gießen und Hobby-Imker, seine zehn Minuten. Viel Biologisches am Bananenmodell und auch Sprachwissenschaft: Viagra ist der Sanskrit-Begriff für Tiger. Und Christine Tretow konstatiert: „Ein junges Weib bei einem alten Mann ist tagsüber Frau und abends Witwe.“

Ein Neuling als Slammer ist Dr. Lazlo Dören, Landschaftsökologe mit Diplom. Sein Thema „Imposex“ bei Tieren, vorwiegend Schnecken, hervorgerufen durch „endokrine Destruktion“. Die Jury scheint’s verstanden zu haben: 3. Platz.

Erfahrener Sieger

Eindeutiger Sieger: Johannes Hinrich von Borstel, Doktorand der Humanmedizin in Marburg, bei seinem definitiv letzten Slam-Wettbewerb – denn immerhin hat er bei Slams dieser Art schon 20 Mal gewonnen und will endlich sein Examen machen. Sein Thema: „Herzrasen kann man nicht mähen“. Er beschreibt mit allem, was sein Körper hergibt, die Todesursache Nummer 1. Tanzend die Herzfunktionen von normal bis zum Vorhofflimmern darstellend, aber auch Reanimationstechniken wie Herzmassage im richtigen Rhythmus. Passend dazu sein Song auf der E-Gitarre: Highway to Hell von AC/DC. Volle Punktzahl und ein würdiger Abschluss einer beeindruckenden Slammer-Karriere.

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Einblick in profunde Forschung

Die zwölf Forscher der beiden Science Slams waren Männer. Wie kommt das?

Dr. Christine Tretow: Bei Naturwissenschaften haben an den Hochschulen nach wie vor Männer die Nase vorn. Die Frau, die ich für heute haben wollte, konnte nicht. Eine Erziehungswissenschaftlerin.

Wie wählen Sie die Teilnehmer aus?

Tretow: Ich kenne die Szene. Die Forscher müssen in einen thematischen Leitfaden passen. Diesmal, passend zum Frühling, „Liebe und Triebe“. Dabei steht nicht der Unterhaltungswert des Vortrags im Vordergrund, sondern der wissenschaftliche Anspruch, der Einblick in profunde Forschung. Es ist ein ehernes Gesetz, dass kein Honorar gezahlt wird. Die Teilnehmer bekommen Reisekosten, Übernachtung und Verpflegung erstattet.

Wird es in der nächsten Spielzeit wieder den Science Slam geben?

Tretow: Das Interesse des Publikums vom Schüler über Studenten bis zum Rentner ist riesig. Wir sind seit drei Wochen ausverkauft. Der nächste Slam startet am 22. November 2016.

 

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