Schulrat schimpft auf faule Lehrer

Siegerland..  „Normalisierung“ ist das Wort in den Chroniken. Der 11. Juni 1945 ist ein Montag. Am Samstag wird der erste Eisenbahnzug wieder nach Hagen fahren, in genau zwei Wochen wieder die erste Straßenbahn von Langenau nach Weidenau. Doch da ist noch etwas anderes — die „Vergangenheit“, die ganz gegenwärtig ist. Ehemalige Nazi-Führer werden abkommandiert, um die geschändeten jüdischen Friedhöfe in Hilchenbach und Burgholdinghausen wiederherzurichten.

Nach ein paar Wochen im neuen Amt ist Kreisschulrat Hermann Engelbert regelrecht sauer. Die Schulen sind immer noch geschlossen, die Lehrer seit 1. Juni entlassen. Sie müssen Fragebögen ausfüllen und auf die Entscheidung der Entnazifizierungsausschüsse warten. „In der ganzen Wartezeit“, schäumt der Kreuztaler Lehrer, „ist nicht einer zu uns ins Schulamt gekommen und hätte sich nach einer Arbeit umgesehen oder seine Dienste angeboten.“ Fritz Fries, seit 1. Juni Regierungspräsident und in den Wochen davor Landrat in Siegen, äußert sich gerade über den Berufsstand der Pädagogen zornig: „Unsere Nazilehrer haben in einer Weise an unserem Volk gesündigt, dass darunter noch zwei Generationen zu leiden haben werden. Sie haben durch ihren Unterricht das Nazigift eingeträufelt.“

Rainer Elkar, der die Entnazifizierungsakten in Hilchenbach durchgearbeitet hat, kommt 46 Jahre später zu einem weniger eindeutigen Urteil: Da waren zwar die Nazi-Einpeitscher unter den Lehrern, allen voran wohl der danach zum Heimatgeschichtler umgeschulte Funktionär Lothar Irle. Da waren aber auch die „Mitläufer“, die sich für nichts anderes interessiert hatten, als ihren Beruf ungestört auch im Nazi-Regime ausüben zu dürfen. Im Amt Keppel werden 107 ehemalige NSDAP-Mitglieder aus dem öffentlichen Dienst entlassen, unter ihnen allein 44 Lehrer. 20 der Entlassenen werden interniert — unter ihnen Ex-Landrat Weihe, die Ortsgruppenleiter der NSDAP, SA- und SS-Funktionäre.

Verbrechen an Zwangsarbeitern

„Die Zwangsarbeiter sind frei, können ungehindert jagen und plündern... Einsame Höfe werden von Marodeuren überfallen wie im Dreißigjährigen Krieg”: Ulrich Opfermann („Heimat. Fremde”) zitiert aus einem Heimatbuch und widerspricht. Wegen Mordes an einer Witwe in Lützel werden zwei Ausländer vom Militärgericht zum Tode verurteilt. Weitere Tötungsdelikte werden Ausländern in diversen Ortschroniken zugeschrieben, ohne dass das bewiesen ist. Plünderungen, bei denen Deutsche und Ausländer Hand in Hand arbeiteten, weist Opfermann gleich mit einer ganzen Reihe von Augenzeugenberichten nach. Betriebs- und Lagerleiter fürchteten Racheakte. Einige flüchteten, ein anderer wurde im Wald erschlagen aufgefunden.

Unbekannt bleiben die meisten Täter, die Zwangsarbeiter und Gefangene misshandelt und umgebracht haben, zum Beispiel die drei russischen Arbeiter, deren Leichen bei Nenkersdorf gefunden wurden. Zwischen 1939 und 1945 mussten in Kreuztal 1916, in Netphen 1660, in Hilchenbach 1164 und in Freudenberg 367 aus dem Ausland verschleppte Menschen arbeiten. 47 namentlich bekannte Firmen in Kreuztal, 34 in Hilchenbach, 19 in Netphen und 11 in Freudenberg nutzten diese in 95 Lagern der vier Gemeinden eingepferchten Menschen aus.

Die Liste der Berichte, die Opfermann über die Ermordung von Zwangsarbeitern sammelte, ist lang – und doch, wie der Autor vermutet, niemals zu vervollständigen: Die Verbrechen an Zwangsarbeitern gehörten wohl zu den „besonders gut gehüteten Geheimnissen” in den Dörfern und Stadtteilen.

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