Schniefnase statt Feuerspucker

Das Essen im indischen Restaurant Namaste in Siegen wird auch in solchen kupfernen Töpfen, den traditionellen Kahari, serviert. Diese sind extra aus Indien importiert worden.
Das Essen im indischen Restaurant Namaste in Siegen wird auch in solchen kupfernen Töpfen, den traditionellen Kahari, serviert. Diese sind extra aus Indien importiert worden.
Foto: Tobias Schürmann
Im dritten Teil unserer Serie „Grenzerfahrungen“ testen wir scharfes Essen. Im indischen Restaurant Namaste am Siegener Kornmarkt wird mit traditionellen Gewürzen gekocht – für starke Mägen und starke Männer.

Siegen. Bevor ich mich der Schärfe der indischen Küche stelle, flitze ich noch schnell in den Supermarkt. Einen Liter Milch einpacken – nur für den Fall der Fälle. Könnte ja scharf werden. Kleiner Schisser.

Im Treppenhaus des indischen Restaurants am Kornmarkt strömt mir schon ein süßlicher Curryduft in die Nase. In der ersten Etage angekommen, nimmt mich Aman Waraich in Empfang. „Namaste“, Guten Tag, sagt er. Schwarze Hose, lilafarbenes Hemd und ein Nadelstreifenjackett. Der Inhaber lächelt und hastet zum nächsten Tisch, um die Mittagsgäste zu bedienen. Er und seine Frau packen noch selbst mit an. Sie hinter dem langen Tresen, Waraich als Kellner. Es ist viel zu tun.

Ich gucke mir einen Platz am Fenster aus. Schnell entdecke ich die vielen Kleinigkeiten im Restaurant. Zwei goldene Elefantenfiguren trampeln lautlos über den Raumtrenner, paillettenbesetzte Tücher zieren die Fläche unter der Glastischplatte; in der Ecke steht eine Palme. Ich lausche der indischen Musik.

1-2: „Ich möchte gerne richtig, richtig scharf essen.“ Aman Waraich schmunzelt. „Dann machen wir fal. Das ist das Ende, richtig scharf.“ Bevor ich aber zum Feuerspucker mutieren kann, bringt mir Aman einen selbst gemachten Mango-Buttermilch-Drink. Eher das Gegenteil von scharf. Süß und fruchtig. Lecker. Ich bestelle eine Suppe, den vegetarischen und gebackenen Käse, das traditionelle Hühnchencurry und ein Lammcurry. Nervosität. Wie viel scharf kann ich essen, ohne dass ich losheulen muss? Ich krempel mir schon einmal die Ärmel hoch. Nach gut 20 Minuten stiefelt Aman Waraich mit einem Tablett auf dem Arm zu meinem Tisch. Vollgepackt mit kleinen Kupferschüsseln, selbst gemachtem Fladenbrot und Reis. Jetzt wird’s ernst. Auf die Suppe, fertig, los. Den ersten Löffel schlinge ich hektisch runter. Warten. Warten. Warten. Scharf war das nicht. Gleich noch einen hinterher. Und noch einen. Meine Lippen kribbeln – wie nach einem Mettbrötchen mit zu viel Pfeffer. Es duftet. Curry, Koriander, Chili. Die Ingwerstückchen passen. Die Schärfe haut mich jetzt noch nicht um, meine Nase läuft aber.

2-3: Das ging schnell. Mit wenigen Löffeln ist die kleine Schüssel leergeschaufelt. Erstmal einen Schluck Mango-Buttermilch. Die Gäste am Tisch gegenüber tuscheln. „Ich war hier schon drei, vier Mal. Das ist richtig gut“, flüstert eine ältere Dame mit schwarzen Haaren ihren Kolleginnen zu. „Das schmeckt auch ohne die Gewürze gut“, erklärt sie und grinst. Die Teelichter unter meinen Kupferschüsseln flackern. Gedankenversunken widme ich mich dem gebackenen Käse. Diesmal mit ein wenig Reis. Aber nur ein bisschen. Ja nicht zu viel. Könnte ja das Feuerspucken verhindern. Süßlich scharf. Auch lecker. Ich schiebe mir einen Löffel nach dem anderen auf den Teller. Meine Lippen brennen, die Nase läuft. Immer stärker. Schniefen. Erstmal die Serviette zum Taschentuch umfunktionieren. Hilft ja nix. Tränen – Fehlanzeige. Der Käse tummelt sich in einem Bad aus Tomatensauce und Zwiebeln. Und Ingwer. Mal wieder. Ich kratze die kleine Kupferschüssel leer. Der Löffel knirscht über den Boden. Ja nichts verschwenden. Ab zum nächsten Gang. Vorher aber nochmal die Nase putzen.

4-5: Hühnchencurry, indisch-scharf. Und in der Tat: es wird endlich scharf. Ich klatsche mir wieder eine ordentliche Portion auf den Teller. Los geht’s. Die Zunge piekt. Der Rachen brennt. Schnell noch einen Happen hinterher. Ein Fehler. Ich schnappe mir die Serviette und schniefe. Das Blut steigt mir in den Kopf. Puh, ganz schön warm hier drin.

„Und, scharf?“, fragt die Dame mit den schwarzen Haaren am Tisch gegenüber ihre Kollegin. „Joa, angenehm“, nuschelt sie mit vollem Mund und reißt sich noch ein Stückchen vom Fladenbrot ab.

Oh, eine Kartoffel. Zwischen meinem Hünchencurry. Jeder Happen brennt. Ein kräftiger Schluck Mango-Buttermilch. Hilft nix. Der Magen grummelt, rumort. Dann endlich: der letzte Bissen. Erlösung. Erstmal eine kurze Pause. Durchschnaufen. Schniefen.

3-4: Der letzte Gang. Die Nase trieft. Lamm Madras. Noch nie sind mir so kleine Schüsseln so tief vorgekommen. Ich schaufel einen großen Löffel Reis auf den Teller, dazu das Lammcurry. Durchatmen. Rein damit. Das Fleisch ist zäh. Wie Leder. Leider. Aber ich kaue beherzt drauf rum. Taubheit im Mund. Die Schärfe schmecke ich nicht mehr. Auch die Gewürze kann ich kaum noch unterscheiden. Ein wenig Kardamom, Curry – na klar –, Zwiebeln, Chili. Mir wird schwindelig. Aber nur ein bisschen. Es geht schon wieder. Vollgefuttert trotz der kleinen Portiönchen. Mit einem gefühlten Lagerfeuer im Bauch.

Ich schiele zu meiner mitgebrachten Milch rüber. „Ach, die brauchst du doch nicht“, rede ich mir ein. Echte Männer ertragen den Schmerz. Und flennen. Innerlich.

 
 

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