Schnelle Hilfe kann das Trauma heilen

Dagmar Schneider ist Traumtherapeutin und Heilpädagogin in der Traumambulanz des Kreisklinikums Siegen-Wittgenstein. Dr. Heiko Ulklrich ist Chefarzt. Aufgenommen am Donnerstag (15. März 2012).
Dagmar Schneider ist Traumtherapeutin und Heilpädagogin in der Traumambulanz des Kreisklinikums Siegen-Wittgenstein. Dr. Heiko Ulklrich ist Chefarzt. Aufgenommen am Donnerstag (15. März 2012).
Foto: WR

Siegen-Weidenau.. Panikattacken. Alpträume. Flashbacks lassen die schlimmsten Momente des Lebens wieder und wieder zurückkehren, in allen Details. Wer ein traumatisches Erlebnis hat, wer etwa Opfer oder Zeuge eines Verbrechens, eines Unfalls oder einer Naturkatastrophe wird, kann jahrzehntelang mit den Folgen zu kämpfen haben, wenn nicht schnelle Hilfe zur Verarbeitung bereitsteht. Das Kreisklinikum Siegen will diese mit der neuen Trauma-Ambulanz bieten.

„Etwa acht Prozent der Bevölkerung entwickeln eine posttraumatische Belastungsstörung“, sagt Dr. Heiko Ullrich, Chefarzt Psychiatrie und Psychotherapie. Mit der Trauma-Ambulanz, deren Testphase im vergangenen Herbst startete, schließe das Kreisklinikum eine Versorgungslücke in Südwestfalen. Auf einen Psychotherapieplatz warten Patienten in der Regel mehrere Monate, doch Vergewaltigungsopfer oder Menschen, die bei besonders schlimmen Unfällen als Helfer im Einsatz waren, hätten oft nicht so viel Zeit.

„Wir bieten Termine innerhalb von drei Tagen“, sagt Ullrich. Je schneller Opfer über ihr Erlebnis sprechen und professionelle Unterstützung erfahren können, um so höher sei die Wahrscheinlichkeit, dass nach nur drei bis fünf Sitzungen wieder Stabilität eintritt. Umgekehrt: Je länger die Unterstützung auf sich warten lässt, desto wahrscheinlicher ist eine jahrelange Leidensgeschichte, in der sich die Symptome chronifizieren.

„Im Moment kommen etwa zwei neue Patienten pro Woche“, sagt Dagmar Schneider, Diplom-Heilpädagogin mit Zusatzausbildung in der Traumatherapie. Sie sei zu Beginn selbst skeptisch gewesen, ob sich mit den zunächst drei bis fünf Sitzungen Erfolge erzielen lassen, doch bisher sei das in vielen Fällen gelungen. Wichtig sei es, den Patienten ein intensives Beziehungsangebot zu machen. „Die Menschen sind teilweise sehr verstört. Viele haben unermessliches Leid erfahren und erleben in der Trauma-Ambulanz erstmals eine wirkliche Anerkennung dieses Leids: Da ist jemand, der mich versteht.“

Schneider hört zu, tröstet, erkennt Leid und Trauer an und erarbeitet mit den Patienten Wege, damit umzugehen. Sie erläutert, was ein Trauma überhaupt ist und wie es entsteht. Und sie hilft bei der Neuorientierung; dass Menschen in ihren Alltag zurück und sich dort wieder zurecht finden.

Die Trauma-Ambulanz soll auch Anlaufstelle für Helfer wie Polizisten oder Rettungskräfte sein. Große Bedeutung kommt den Multiplikatoren zu, etwa den Opferbeauftragten der Polizei oder Hausärzten, die Betroffene auf das neue Angebot hinweisen. Aktuell hat die Trauma-Ambulanz eine viertel Stelle, doch je nach Auslastung ist eine Aufstockung fest vorgesehen. Dr. Ullrich: „Wir wollen den Bedarf in der Region decken.“

Paul Breuer, Vorsitzender der Gesellschafterversammlung des Klinikums und als Landrat auch Chef der Kreispolizeibehörde, ist vom Projekt überzeugt. „Wir verdrängen es oft: aber jeder Mensch kann jeder Zeit traumatische Erfahrungen machen.“

 
 

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