„Schlechte Pflege ist Folter“

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Claus Fussek gilt als Deutschlands bekanntester und profiliertester Pflege-Kritiker. Im Krönchen-Center in Siegen schilderte er Scheußlichkeiten aus deutschen Altenheimen – machte aber auch ein wenig Mut.

Siegen..  Eigentlich wissen alle aus der Branche, wie schlimm es um die Altenpflege steht. Ärzte, Apotheker, Pfleger und Pflegerinnen sowie Angehörige und Patienten.

Dass es dennoch Leute braucht, die einen mit der Nase auf das Offensichtliche stoßen, machte kürzlich Claus Fussek deutlich. Deutschlands bekanntester Pflegkritiker erzählte im Krönchen-Center allerhand Scheußlichkeiten aus Heimen, geißelte „schlechte Pflege als Folter“. Seit mehr als 30 Jahren ist der Sozialpädagoge in der ambulanten Pflege beschäftigt. Mindestens ebenso lange sammelte er Beweise, die die jämmerlichen Zustände in Alten- und Pflegeheimen belegen. Und zwar in den üblen Alten- und Pflegeheimen: „Wir kritisieren die schlechten Heime und die schlechten Krankenhäuser“, sagte er. „Wir kritisieren überfordertes Personal, das für den Beruf nicht geeignet ist.“

Druckgeschwür und Magensonde

Er erzählte von alten Menschen, die mit Druckgeschwüren vor sich hin leiden würden – völlig ohne Not. Von Heimbewohnern, die überflüssigerweise per Magensonde ernährt würden. Von Insassen – der Ausdruck klingt absonderlich, ist in diesem Zusammenhang aber völlig angemessen – denen der Gang zur Toilette verwehrt bleibe. Von Frauen im Spätherbst ihres Lebens, die sich von männlichem Pflegepersonal waschen lassen müssten. „Das ist Folter, das ist grausam“, betonte der Aktivist. Er legte dar, dass gar mit kriminellen Methoden gearbeitet würde. Dokumentationen würden im Voraus erstellt. Am Mittwoch etwa würde in die Behandlungsliste eingetragen, was der Patient am folgenden Freitag getrunken haben werde.

Grundrecht auf frische Luft

Zusammengehalten werde das in Teilen mafiöse System durch eine „Allianz der Angst“. Beschäftigte trauten sich nicht gegen Arbeitsbedingungen aufzubegehren, weil sie den Verlust ihrer Stelle fürchteten. Bewohner würden ohnehin nicht schimpfen, sie steckten in der klassischen Opferrolle. „Was mich wahnsinnig macht“, sagte Claus Fussek, „ist diese Gleichgültigkeit, die an Sadismus grenzt.“

Der Gipfel des Unfassbaren: „Wir geben Milliarden für Hunde- und Katzenfutter aus, wir scheuen uns allerdings, für unsere Alten artgerecht zu sorgen.“ Vielleicht ist das einer der Punkte, die ihn einen großen Teil seiner „Grund- und Menschenrechte für alte und pflegebedürftige Menschen“ aus dem Tierschutzgesetz haben abschreiben lassen, wie er sagte.

In dem Katalog finden sich etwa das Grundrecht auf ausreichend Essen und Trinken, ausgewogene Ernährung, das Grundrecht auf Bewegung und frische Luft. Claus Fussek wollte jedoch nicht nur frustrieren. Er lieferte auch hoffnungsvolle Beispiele wirklich guter Arbeit – und hatte einen Tipp, um das richtige Heim zu finden: „Fragen sie den Bestatter, der kommt immer unangemeldet und weiß Bescheid.“

 
 

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