Reform im Bachelor-Studium bringt mehr Wahlmöglichkeiten

Feiern und Hüte gab es zu Magister- und Staatsexamenszeiten weniger an den Unis. Aber das hat mehr mit dem Zeitgeist zu tun als mit Bologna.
Feiern und Hüte gab es zu Magister- und Staatsexamenszeiten weniger an den Unis. Aber das hat mehr mit dem Zeitgeist zu tun als mit Bologna.
Foto: Felix Heyder
  • HRK-Vizepräsident Holger Burckhart im Interview zur Reform der Bologna-Reform.
  • Mehr Wahlmöglichkeiten innerhalb des Studiengangs statt mehr Studiengänge
  • Öffnung zur Persönlichkeitsbildung

Siegen.. Am Bachelor-Studium gab es seit Einführung der Bologna-Reformen massive Kritik: Die Studenten fühlten sich wie in der Schule (nur mit volleren Klassen) und die Arbeitgeber, die zuvor über das Alter der Hochschulabsolventen geschimpft hatten, sahen sich nun Bachelors gegenüber, die sie für nicht berufsfähig hielten.

Das machte eine Reform der Reform nötig. Daran hat der Siegener Uni- Rektor Holger Burckhart, der in der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) Vizepräsident für Lehre und Studium ist, eineinhalb Jahre gearbeitet. Mitte Juli wurden die Vorschläge der Arbeitsgruppe von der Kultusministerkonferenz (KMK) beschlossen.

Was sind die wichtigsten Änderungen?

Holger Burckhart: Die entscheidende Überlegung war: Wir wollen wieder individuellere und flexiblere Studienverläufe ermöglichen. Dazu haben wir drei Maßnahmen vorgesehen. Erstens: Innerhalb der Studiengänge wird es mehr Wahlmöglichkeiten geben. Zweitens: In den ersten beiden Semestern wird zwar noch benotet, um eine Leistungsrückmeldung zu geben, aber diese Noten gehen nicht mehr in die Endnote ein. Und drittens wollen wir flexibler mit den Punktegrenzen und mit den Semesterzahlen umgehen.

Ab wann gilt das?

Bei der Benotung muss die KMK noch zustimmen, ansonsten sofort. Die Umsetzung liegt in der Hand der Hochschulen. Der Druck muss von innen heraus kommen. Auch der Freie Zusammenschluss von StudentInnenschaften (FZS) war in der Kommission.

Wird damit nun die Verschulung des Studiums zurückgedreht?

Ich sehe die Maßnahmen als Öffnung zur Persönlichkeitsbildung. Akademische Bildung will keine Roboter produzieren. Die Studierenden können und müssen wieder mehr Entscheidungen treffen, sie können Reflexionsschleifen einschieben und sich erproben. Der Druck schon am Anfang ist raus, und sie können ihr Studium freier gestalten.

Und was ist mit der Akzeptanz in der Wirtschaft?

Es geht im Studium grundsätzlich um drei Punkte: Fachlichkeit, Beruflichkeit und Persönlichkeit. Ich denke, dass wir nun wieder mehr Persönlichkeitsbildung ermög­lichen. Der Bachelor bleibt ein Einstieg in die Wissenschaft. Und er macht nicht fit für den Job, sondern fit für die Berufsfähigkeit. Den Rest müssen schon die Arbeitgeber leisten. Und immerhin haben inzwischen 80 Prozent der Bachelor-Absolventen innerhalb eines Jahres einen bildungsadäquaten Job.

Wie geht Siegen an die Umsetzung?

Für uns sind die neuen Studiengangmodelle besonders interessant. Da sind wir schon unterwegs. Wenn wir die Creditpunkte aller Veranstaltungen vergleichbar machen ist es leichter, Module aus anderen Studiengängen anrechnen zu lassen. Die Öffnung beginnt ­bereits.

Ist es nicht Irrsinn, dass es in Deutschland mittlerweile 19 000 verschiedene Studiengänge gibt?

Da spiegelt sich eben unser differenziertes Wissen um die Welt wieder. Allerdings sehe ich beim Bachelor nicht diesen hohen Spezialisierungsbedarf. Da könnte ich mir zwei Linien vorstellen: eine generalisierende, die etwa in den ersten beiden Semestern mehrere naturwissenschaftliche oder mehrere gesellschaftswissenschaftliche Fächer zusammenfasst und sich später auf ein Fach konzentriert. Daneben muss es aber weiter fachspezifische Studiengänge geben. Da könnte man wohl noch durchforsten: ein Mechatroniker würde reichen. Wichtig sind Wahlmöglichkeiten innerhalb des Studiengangs statt immer mehr Studiengänge.

HRK-Präsident Horst Hippler hat einmal gesagt, ein Bachelor in Physik könne nie im Leben ein Physiker sein. Stimmen Sie zu?

Ich würde das auch erst nach dem Master gelten lassen. Früher war die Promotion der Maßstab. Und natürlich gilt das auch für Philosophen.

 
 

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