Prestige vor Barrierefreiheit an der Uni Siegen?

Der Campus Unteres Schloss sei für Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, schwer bis gar nicht aus eigener Kraft zu erreichen, so AStA und Behindertenbeauftragte.
Der Campus Unteres Schloss sei für Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, schwer bis gar nicht aus eigener Kraft zu erreichen, so AStA und Behindertenbeauftragte.
Foto: www.blossey.eu
AStA-Sozialreferat und Behindertenbeauftragte kritisieren Universität Siegen

Siegen.  „Behinderung ist, wenn die behindertengerechte Toilette als Abstellraum missbraucht wird.“ Raul Krauthausen, Aktivist und Schauspieler, hat die sogenannte Glasknochenkrankheit und sitzt im Rollstuhl. Nach einem Vortrag an der Uni Siegen möchte er die behindertengerechte Toilette nutzen – und der Raum ist voll mit Putzmittelwagen.

„Das ist typisch für den Umgang der Uni Siegen mit dem Thema Barrierefreiheit“, kritisiert Dorothée Oster, Sozialreferentin des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA), „das Thema ist einfach nicht in den Köpfen präsent.“

Das alte Stadtkrankenhaus

AStA: „Menschen im Rollstuhl kommen nicht zum Aufzug, weil die Türen davor nicht automatisiert sind – nicht mehr“, sagt Oster. Als das Krankenhaus noch Krankenhaus war, sei das anders gewesen, „da hat die Uni beim Umbau wohl nicht drauf geachtet“.

Behindertenbeauftragte: „Die automatischen Türen wurden ausgebaut“, sagt auch Fabienne Pastuska, Mitarbeiterin des Behindertenbeauftragten Ulrich von Felbert. Das Gebäude ist über die Aufzüge barrierefrei – nur zum Aufzug kommen Rollstuhlfahrer nicht.

Uni-Verwaltung: „Die Universität Siegen ist nicht Eigentümer der Gebäude und daher auf die Kooperationsbereitschaft mehrerer Partner angewiesen“, teilt die Verwaltung mit. Alle Räume, die die Uni nutzt, seien per Aufzug erreichbar, Türen automatisiert – bis auf diese Ausnahme. Die Einrichtung der nicht-automatisierten Tür sei in Absprache mit den Behindertenbeauftragten von Felbert und Dostal erfolgt. Dort soll nachgebessert werden, so Uni-Pressesprecher André Zeppenfeld.

Der Campus Unteres Schloss

AStA: Mit öffentlichen Verkehrsmitteln sei es Menschen im Rollstuhl nicht möglich, den Campus zu erreichen, weder von der Haltestelle Löhrtor, noch vom Kölner Tor aus, sagt Dorothée Oster. Man habe zu Versuchszwecken einen Rollstuhl gemietet: „Kippt um“, so Osters nüchternes Fazit. Die Gehwege seien zu eng und zu steil, Haltestellen nicht ausreichend ausgebaut. „Klar ist die Oberstadt klein und eng“, sagt sie, von der Uni-Leitung heiße es lediglich, dass Änderungen nicht durchführbar seien, da es nur so wenige Personen beträfe. „Jeder der möchte, soll dort hochkommen können, wir können das so nicht akzeptieren“, so Oster. Die Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderung und Barrierefreiheit hätten wohl nicht im Vordergrund gestanden bei der Auswahl des Standorts.

Behindertenbeauftragte: Zu Jahresbeginn habe es einen Ortstermin gegeben, so Fabienne Pastuska, „wer körperlich beeinträchtigt ist, kommt kaum zum Campus.“ Einmal wegen der weit entfernten und schlecht gelegenen Bushaltestellen, aber auch Parkplätze für Menschen mit Behinderung gebe es nicht genug. „Man braucht jemanden, der fährt, die Türen öffnet und bis in den Raum begleitet.“

Uni-Verwaltung: Dem Bestand des Altbaus geschuldet, sei in abgestimmten Toleranzbereichen von einer barrierefreien Ausführung abgesehen worden. Die Uni verweist bei der Lage des Campus’ auf die Siegener Topographie, die eine barrierefreie Anreise erschwere. Es stünden aber Behindertenparkplätze zur Verfügung.

Der Adolf-Reichwein-Campus

AStA: Aufzüge fahren nicht während der gesamten Öffnungszeiten des Campus’, vor allem in den Abendstunden – wenn die Bibliothek und Lernräume aber noch geöffnet seien. In den Hörsälen gebe es nur sehr wenige Plätze für Rollstuhlfahrer und die Wege seien sehr weit, so die Kritik.

Auch der Öffentliche Nahverkehr zwischen den derzeitigen Standorten sei für in ihrer Mobilität eingeschränkte Menschen nicht nutzbar, so Oster: „Ohne umgerüstetes Auto kann man nicht pendeln.“

Behindertenbeauftragte: Behindertengerechte WCs seien oft verschlossen, Schlüssel müssten beim Pförtner geholt werden, so Fabienne Pastuska. Für Rollstuhlfahrer beschwerliche Fahrten. Für die Gebäudeteile A-E gebe es nur einen kleinen Aufzug – wenn der ausfällt, kämen Studenten im Rollstuhl nicht zu ihren Seminaren.

Wie der AStA setzt Pastuska die Hoffnungen darauf, dass mit der Generalüberholung des Campus’ das Gebäude entsprechend gestaltet werde. Und zum Thema Pendeln zwischen den Standorten: Dozenten hätten einen eigenen Fahrdienst, Studenten müssten für sich selber sorgen. Zusätzlich für Schwierigkeiten sorgten die noch immer sehr vollen Busse.

Uni-Verwaltung: Der Startschuss für die Sanierung und Modernisierung von Mensa, Bibliothek und der Trakte AR-H und -K soll 2017 fallen. Vorschriften und Richtlinien hinsichtlich der Barrierefreiheit würden dabei umgesetzt, die Behindertenbeauftragten würden über die entsprechenden Gremien eingebunden.

Keine böse Absicht - aber auch nicht nachgedacht 

Das „Toilettenproblem“ sei nach Bekanntwerden eher stiefmütterlich angefasst worden, da sind sich AStA und Behindertenbeauftragte einig.

Kurz sei es besser geworden – und dann hätten die Putzwagen wieder in den Behindertentoiletten gestanden. Pastuska: „Da wurde nicht nachgedacht.“

 
 

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