„Pflegekräfte erscheinen morgens weinend zum Dienst“

Hubert Becher, Geschäftsführer des Diakonie-Klinikums Siegen, stellte sich den Fragen beim Montagsgebet in der Martini-Kirche.
Hubert Becher, Geschäftsführer des Diakonie-Klinikums Siegen, stellte sich den Fragen beim Montagsgebet in der Martini-Kirche.
Foto: Ilka Wiese
Montagsgebete in Siegen – Im November formierte sich der montägliche, solidarische Protest in der Martini-Kirche, um auf Politik und Träger einzuwirken. Zu Gast ist diesmal Hubert Becher, Geschäftsführer des Diakonie-Klinikums. Er stellt sich den ehrlichen und bewegenden Fragen aus dem Publikum.

Siegen..  In der Industrie wäre es ein Erfolg: In den Krankenhäuser werden mehr Patienten als je zuvor behandelt, die im Schnitt weniger als eine Woche bleiben. Halb so lang wie noch vor zehn Jahren, weil die Methoden effizienter sind, dem Fortschritt der Medizin zu verdanken. Und das alles wird bewältigt von weniger Personal. Prozessoptimierung. Doch die Ware Gesundheit wird nicht am Fließband produziert und das bekommen alle zu spüren. Es knirscht.

„Die Würde des Menschen darf nicht ökonomisiert werden“, fordert Pfarrerin Ute Waffenschmidt-Leng in der Begrüßung zum Montagsgebet. Im November formierte sich der montägliche, solidarische Protest in der Martini-Kirche, um auf Politik und Träger einzuwirken. Zu Gast ist diesmal Hubert Becher, Geschäftsführer des Diakonie-Klinikums. Er stellt sich den Fragen der mehr als 50 Menschen, die im System Gesundheit arbeiten oder betroffen sind.

Die Worte aus der Praxis machen nachdenklich: „Pflegekräfte erscheinen morgens weinend zum Dienst“, sagt eine Frau. Ein Raunen geht durch den Raum. Es fehle die

Zeit, den Nachwuchs auszubilden, die „laufen nur mit“. Um eine Lücke im Dienstplan zu schließen, müssen alle abtelefoniert werden. „Das ist Zeit, die dann auf der Station fehlt.“ Und daheim zucken die Schwestern zusammen, wenn in der Freizeit das Telefon klingelt. Weil die Arbeit ruft. Auch das Gefühl als Patient sei ungut: „Ich komme in einer Phase, in der ich höchst verletzlich bin, ins Krankenhaus, wo die Menschen selbst angespannt sind und nicht mehr können“, sagt ein älterer Herr.

„Wir sind Beteiligte und Betroffene“, sagt Hubert Becher. Er verdeutlicht, dass Träger und Angestellte auf der gleichen Seite kämpfen. Die Politik in Berlin setze darauf, dass Kliniken „die Puste ausgeht“. Dort werde zugeschaut, Druck aufgebaut und der Verdrängungsprozess gefördert. „In Frankreich wären schon längst alle auf der Straße“, sagt er. Den gemeinsamen Aufschrei halte er für den richtigen Weg.

„Unsere Personalkosten sind um fünf Millionen Euro zu hoch“

Aber auch die eigene Organisation wird überdacht: So werden beispielsweise im Jung-Stilling nicht mehr drei OP-Teams mit insgesamt sechs Menschen in der Nacht Bereitschaft haben, sondern nur noch zwei Teams. „So wollen wir den Tagdienst entlasten“, erklärt Becher.

Er lieferte auch Zahlen: Derzeit arbeiten an den drei Standorten, zu denen sich Becher klar bejahte, 1200 Menschen auf 975 Vollzeitstellen in 14 Berufsgruppen und kümmern sich um 27 000 Patienten im Jahr. Ende 2013 wurde bereits Personal angebaut. Und dennoch: „Unsere Personalkosten sind um fünf Millionen Euro zu hoch“, das habe ein externer Berater ausgerechnet. „Auf Dauer geht das nicht gut“, sagt Becher.

Wertschätzung sei ein großes Thema. „Wir müssen uns um die kümmern, die bleiben sollen“, sagt Helmut Becher. Denn für viele sei die Arbeit mehr als nur der Blick in die Lohntüte. Das müsse auch so bleiben. Erstmals seit zwei Jahren werde das Klinikum wieder junge Menschen aus den Examenskursen übernehmen.

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