Original und Verfremdung

Noam Zur dirigierte
Noam Zur dirigierte
Foto: Knut Lohmann
Die Philharmonie Südwestfalen hatte einen großen Abend, weil sich die Musiker vom Gastdirigenten Noam Zur zu Hochleistungen herausfordern ließen. Das kam beim Publikum an, das besonders die hervorragenden Solisten aus den Reihen des Orchesters mit Beifall bedachte.

Siegen.  Stellen Sie sich vor: Sie sitzen recht gemütlich und hören von einer Bühne Orchestermusik – Klassik, Haydn. Wunderbar. Zurücklehnen und Augen schließen. Der erste Satz vorbei: Herrlich! Der langsame Satz: noch schöner, falls möglich … bis plötzlich Töne aus einer fremden Kultur an Ihr Ohr dringen: Große Trommel, Triangel, Becken. Klänge aus dem Orient – was ist das für ein Überfall?

Aber die Fremden benehmen sich ganz manierlich, passen ihren Janitscharen-Sound sogar der Haydn-Musik an und scheinen wieder zu verschwinden. Plötzlich im Finale geht es wieder los – jetzt mit Trompetenschall: „Attacke marsch!“ oder so was. Kaum vom eigenen Schrecken erholt, wird es still. Die anderen klatschen. Die wussten: Es war die Militär-Sinfonie, in der sich der angeblich so gemütliche Papa Haydn erlaubte, aus der klassischen Ordnung auszubrechen. Vielleicht ahnte er, dass sich die Menschheit daran wohl einmal gewöhnen müsste.

Umrahmt von Bearbeitungen

Eingerahmt war dieses vorzüglich gespielte Werk nämlich von zwei Musikstücken, die man als „Bearbeitungen“ charakterisieren muss. Theo Verbey hat Alban Bergs Klaviersonate op. 1 für Orchester arrangiert; dasselbe hat Arnold Schönberg mit dem Klavierquartett op. 25 von Brahms gemacht. Aber die beiden hatten unterschiedliche Absichten.

Verbey wollte die altertümliche Polyphonie in Bergs atonaler Klavier-Komposition deutlich machen, indem er deren Linien auf unterschiedliche Instrumente verteilte, so dass sie sich voneinander abhoben. Schönberg ging es darum, die von Brahms gepflegte Technik der „entwickelnden Variation“ hörbar zu machen – also die aus dem Eingangsthema abgeleiteten Figuren herauszumodellieren, die im Konzert eines Klavierquartetts vom Pianoklang zugedeckt werden. Und außerdem wollte er den Romantiker Brahms, ohne sein Notenbild anzutasten, in seine eigene Gegenwart hieven, indem er alles an Orchesterinstrumenten bemühte, was man zu seiner Zeit nur haben konnte.

Das Berg-Arrangement war spannend für Eingeweihte, wohl eher etwas für analytisch hörende Musikfreunde. Das war bei Brahms-Schönberg eigentlich ähnlich; aber Brahms-Liebhaber (zu denen auch Schönberg gehörte) erkannten ihren großen Romantiker auch im Klangkostüm von 1937 wieder und konnten sich den Steigerungen bis zum großen Finale mehr und mehr öffnen, das dann nicht in Janitscharen-Gerassel mündete, sondern „alla zingarese“: im Rausch der Brahmsschen Zigeunermusik.

Hochleistung unterm Gastdirigenten

Die Philharmonie hatte einen großen Abend, weil sich die Musiker vom Gastdirigenten Noam Zur zu Hochleistungen herausfordern ließen. Das kam beim Publikum an, das ausgiebig applaudierte und insbesondere die hervorragenden Solisten aus den Reihen des Orchesters mit Beifall bedachte.

 
 

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