Niedecken spielt länger als nur „Für ‘ne Moment“

Helmut Blecher
Mit Gitarre und Mundharmonika am Gesangsmikrofon präsentierte sich  Wolfgang Niedecken.
Mit Gitarre und Mundharmonika am Gesangsmikrofon präsentierte sich Wolfgang Niedecken.
Foto: Helmut Blecher

Siegen. In Siegen wird Wolfgang Niedecken verstanden, auch wenn man sein Kölsch nicht immer versteht – zumindest phonetisch.

Und so war es Ehrensache für seine mit ihm älter gewordenen Fans, am Freitagabend in Scharen ins Lyz zu eilen, um sich für mehr als nur einen Moment, sondern über drei Stunde lang, Passagen aus seiner Autobiografie „Für ‘ne Moment“ vorlesen lassen. Seine Prosa wurde durch den Vortrag einiger Songs gewürzt, die nicht nur die die Geschichten seines Buchs ergänzten, sondern sie auf musikalische Art weitererzählten.

Poetische Entsprechung der Lebensgeschichten

Der Literaturwissenschaftler Oliver Kobold, der das Werk des BAP-Frontmann seit 1982 verfolgt, gab zu Beginn der Veranstaltung eine Einführung in die Entstehungsgeschichte der Autobiografie Niedeckens, der in diesem Jahr seinen 60. Geburtstag feiern konnte. „Man fand eine poetische Entsprechung für die Lebensgeschichten des Sängers in der seltsamen Sprache“, erklärte Kobold den Aufbau des kunstvoll komponierten Entwicklungsromans, der erstaunlicherweise auf Hochdeutsch geschrieben wurde.

Das Füllhorn voller Geschichten, 528 Seiten lang, die Niedecken - auf Hochdeutsch – in komprimierter Form im Lyz über seine Fangemeinde ausschüttete, offenbarte nicht nur einen bis heute äußerst kreativen bildenden Künstler und Musiker, sondern auch einen begnadeten Erzähler.

Man klebte dem Kölsch-Rocker förmlich an den Lippen, als er anekdotenreich und humorvoll über sein Leben und seine Karriere plauderte. In Dylan-Manier mit Klampfe und Mundharmonik-Gestell trug er dazu Lieder aus „Half su wild“, dem Soundtrack zum Buch vor. Konsequenterweise wich er dabei nicht von seinem kölschen Dialekt ab.

Von einer Kindheit zwischen Trümmern im Nachkriegs-Köln, von seinem Malereistudium und der New Yorker Kunstszene. Von der Sparsamkeit seines Vaters, den glücklichen Ferientagen in der Vaterstadt Unkel. Vom Missbrauch, mit dem er als Zögling in einem katholischen Internat konfrontiert wurde, bis zu den tragikomischen Anfängen mit BAP reichte der erste Teil des langen Abends.

Wie man das Alte Testament, ein Quell spannender Erzählungen, für sich selbst neu auslegt, wie man in einem Münchner Szene-Lokal einen Kasten Bier und einen Öffner ohne Widerspruch des Kellers erhielt, und wie man Mick Jagger im Müngersdorfer Stadion zum Staunen brachte, als er die Ovationsbekundungen für BAP erlebte, und wie man als verlorener Sohn wieder in den Schoß des Kölner Karnevals zurückkehrt, das war im besten Sinne unterhaltend. Das ist fast schon große Literatur.

Viele kleine und
große Augenblicke

Trotz der das Gesäß nicht beglückenden Bestuhlung im Lyz, blieben die meisten Zuhörer bis kurz vor Mitternacht auf ihren Plätzen kleben. Man wollte partout nichts von den wundersamen Erzählungen verpassen, die man anschließend in Buchform, von Niedecken signiert, im Foyer des Lyz erwerben konnte. Dreieinhalb Jahrzehnte BAP, die Rückbesinnung auf sechs Jahrzehnte Leben, das gespickt war mit kleinen und großen Augenblicken, das wollte man von dem politisch wachsamen und sozial engagierten Menschen Wolfgang Niedecken höchst persönlich vorgetragen bekommen. Er tat’s mit Witz, Gelassenheit und Demut.