Nichts ist unmöglich am Kreuzberg

Marie Köhler hat nicht nur Bilder und Filme mitgebracht. Per Skype holt sie die Kinder aus Kigali mit ins Feuerwehrhaus — sie haben jede Menge Ideen, was sie gemeinsam machen können.
Marie Köhler hat nicht nur Bilder und Filme mitgebracht. Per Skype holt sie die Kinder aus Kigali mit ins Feuerwehrhaus — sie haben jede Menge Ideen, was sie gemeinsam machen können.
Foto: WP
Die Afrika-Fotografin Marie Köhler entdeckt die Realschule für ein hautnahes Afrika-Projekt. Sie will mit Bildern Bilder verändern: Das von Deutschen über Ruanda zum Beispiel.

Netphen..  Es gibt einige Möglichkeiten, diese Geschichte anzufangen.

Wo geht’s los?

1. Mit Marie Köhler zum Beispiel, der Afrika-Fotografin, die im Alten Feuerwehrhaus am Petersplatz den Acht- und Neuntklässlern der Realschule Am Kreuzberg erklärt, warum sie auf der Partnersuche für die 50 Kids im My-Talent-Projekt der Root Foundation in Kigali/Ruanda ausgerechnet auf Netphen gekommen ist: „Ich habe großartige Sachen über euch gehört.“

2. Man kann auch am 10. April beginnen, als sich Lehrerin Ursula Wussow notiert, wie sie ihre Schüler an diesem Morgen in das Thema einführen wird. „Manchmal läuft uns im Leben das Glück über den Weg“, sagt sie. „Aber eine Chance wirklich zu nutzen, ist etwas anderes.“ Die Chance, sich eine ganz andere Welt im Austausch mit anderen Kindern und Jugendlichen vertraut zu machen. Aufgeschrieben hat Ursula Wussow das in der Abflughalle von Kathmandu, vor dem Beben. „Die Stadt, wie ich sie erlebt habe, gibt es nicht mehr.“

3. Beginnen mit dem Erzählen kann man auch ganz am Anfang, in Attendorn. Dort hat Marie Köhler Fotos ausgestellt, und dort lernte sie auch die Netphener Pädagogin kennen. Man tauschte sich aus. Die aus Herne stammende Fotografin hatte „Mach dir ein Bild“ – das Fotoprojekt mit Kindern in Burkina Faso in Christof Schlingensiefs Operndorf und in Ruanda. Und die Netphener Lehrerin das Buch über das Projekt, für das 2013 ihre damalige 8 b den Medienpreis der Deutschen Aidsstiftung bekommen hat: „Was wäre, wenn ich nicht in Deutschland geboren wäre, sondern in Ruanda?“

Was geht?

So viele Anfänge. Jetzt sind sie zusammen, die Fotografin und die Jugendlichen aus Netphen. Was geht? Marie Köhler will mit Bildern Bilder verändern. Das von Deutschen über das afrikanische Land zwischen Elend und Kitsch, „dazwischen wissen wir eigentlich nichts.“ Und das der Ostafrikaner, die Deutschland für ein „Paradies“ wohlhabender und gut gelaunter Menschen halten. „Das ist kein Hilfsprojekt“, betont die 34-Jährige. „Ich will etwas von euch lernen — ich habe keine Ahnung, was euch bewegt und wie ihr die Welt seht.“ Und fragt, „ob ihr überhaupt Bock habt, irgendwas mit uns zu machen.“ Sie haben.

Was geht? Alles. Marie Köhler hat Filmemacher, Fotografen, Journalisten im Team. Ein Netzwerk von Künstlern aller Disziplinen im Hintergrund. Und Förderer von der Unesco über das Auswärtige Amt und das Goethe-Institut bis zu Sponsoren aus der Wirtschaft, die ein jährliches 100 000-Euro-Budget an Geld- und Sachleistungen bewegen.

Das geht — zum Beispiel:
Eine gemeinsame Radiosendung produzieren. „Wer Lust hat, ein Internetradio zu erfinden, ist herzlich willkommen“, sagt Anke van de Weyer, die als Team-Mitglied Marie Köhler nach Netphen begleitet.
- Musik machen: ein Netphen-Kigalisches Video, „das vielleicht in Ruanda wieder auf Platz 1 kommt“, sagt Marie Köhler. „Oder in Deutschland“, wirft Ursula Wussow ein. Chocolate heißt das Stück von Sintex – ein My-Talent-Produkt.
- Fußball, schlägt jemand vor. Ja, sagen die Erwachsenen. Darüber könne man bloggen. Oder Trikots hin- und herschicken. Nein, so ist das nicht gemeint. Der Schüler aus der 8 denkt an ein Freundschaftsspiel. Kein Problem, sagt Marie Köhler, „wenn du für 14 Spieler die Flüge organisiert kriegst.“ Im Ernst: „Das ist gar nicht so schwer.“ Noch ein Tipp: „Was ist dein Lieblingsverein?“
- Kochen. „Was hat denn besser geschmeckt. Deutsch oder afrikanisch?“, hat jemand gefragt. Rezepte tauschen und dann nachkochen, das wird ein möglicher Arbeitsauftrag.
- Skypen. So wie gleich mit Patrick und Kindern aus dem My-Talent-Team der Root Foundation. Das wird die Basis des Austauschs in der wöchentlichen Ruanda AG, die Ursula Wussow einrichten wird. Bis sie die Professionalität von Marie Köhler erreichen, wird geraume Zeit vergehen. „Da hat man dann so ein Leben, wo man jeden Tag mindestens drei Stunden skypt.“
- Reden. Auf jeden Fall – denn da sind Fragen, die Schüler stellen. Und auf die sie die Antworten auch gern selbst herausfinden können. Warum zum Beispiel Deutschland einigen Ländern mehr hilft und anderen weniger. Ein Thema für eine Diskussion mit den Münteferings, findet Marie Köhler. Franz und Michelle Müntefering sind auch im Netzwerk, und sie haben es nicht weit nach Netphen. „Würden Sie gern auswandern?“ Die Frage richtet sich an Marie Köhler. Nein, sagt sie, Ruanda ist nun einmal nicht der freiheitliche Staat, wie sie ihn in Deutschland schätzt. Außerdem: Echt wäre das sowieso nicht, mit der Rückkehroption in der Tasche, „ungerecht und eine Lüge gegenüber den Menschen dort.“
- Pferde. Eine Schülerin möchte gern mitmachen, aber nur mit begrenztem Zeitaufwand. Welche Hobbys sie habe? Reiten — für das Pferd, überlegt Marie Köhler, wäre im Video sicher auch Platz.

Alles geht

Alles geht. Selbst das: „Ich fände es schön, wenn wir am Ende auch hinfahren“, sagt Marie Köhler. „Das ist realisierbar.“ Und die Realschule Am Kreuzberg würde Unesco-Schule – ein Vermächtnis für ihre Nachfolgerinnen, das ihnen diese letzten beiden Jahrgänge hinterlassen.

Folgen Sie uns auf Facebook

 
 

EURE FAVORITEN