Müll wird für Tiere zur Todesfalle

Kurz nach der Befreiung des Turmfalken ist bereits klar: Das Tier hat keine Chance. Die Kunststoffschnur, deretwegen es sich in einer Baumspitze verfangen hat, führte zu mehrere Brüchen.
Kurz nach der Befreiung des Turmfalken ist bereits klar: Das Tier hat keine Chance. Die Kunststoffschnur, deretwegen es sich in einer Baumspitze verfangen hat, führte zu mehrere Brüchen.
Foto: Jürgen Schade
Der Turmfalke hatte keine Chance. Die Plastikschnur, in der er mit den Beinen hängen geblieben war, verfing sich in einer Baumspitze. Zwei Tage dauerte der Todeskampf.

Eisern. Er hängt mit dem Kopf nach unten. Das Bein ist mehrfach gebrochen. Der dreijährige Turmfalke schlägt mit den Flügeln, doch die Kunststoffschnur, die sich um seine Füße geschlungen hat und ihn an der Spitze der fast 30 Meter hohen Fichte in Eisern festhält, gibt ihn nicht frei. Vermutlich zwei Tage lang muss das Tier die Qual erdulden, bis die dank Anwohner Gerhard Pfeifer alarmierte Feuerwehr es via Drehleiter und Astschere am Samstag befreit. Aber es ist zu spät. Falkner Gregor Klein sieht für den Vogel keine Chancen mehr, schläfert ihn ein.

Müll, achtlos in der Natur entsorgt, wird für Wildtiere regelmäßig zur Todesfalle. „Die Problematik gibt es immer wieder, die ist bekannt“, sagt Bärbel Gelling, Sprecherin des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) in Siegen-Wittgenstein. Es sei unheimlich schwierig, Menschen dafür zu sensibilisieren, welche Gefahren selbst von vermeintlich kleinen Abfällen ausgehen können. Gelling: „Im Wald denken viele nicht daran.“

Vergiftet, verblutet, verhungert

Die Liste der Todesursachen, die achtlos entsorgter Müll bewirken kann, ist lang und übel: Ersticken, Verbluten, Strangulation, Vergiftung, Verhungern – letzteres entweder, weil beispielsweise Plastikteile den Magen blockieren, oder weil Nahrungssuche aufgrund von Verletzungen nicht mehr möglich ist. Auch der Eiserner Turmfalke wäre angesichts seiner Verletzungen sicherlich nicht mehr zur Jagd imstande gewesen. Netze, Gewebe, Kunststoffringe können zum Verhängnis werden, aber auch Flaschen und Dosen, in die Tiere zwar – vielleicht angelockt durch Nahrungsreste – hineinfinden, aus denen es aber kein Heraus mehr für sie gibt.

Genaue Zahlen, wie viele Wildtiere jährlich im Siegerland auf solche Weise sterben, gibt es nicht. Nicht jedes tote Tier, das im Wald entdeckt wird, wird gezwungenermaßen untersucht. „Außerdem gibt es genügend Aasfresser“, sagt Diplom-Biologin Sabine Portig, Mitarbeiterin der Biologischen Station Siegen-Wittgenstein. Die Kadaver seien deshalb oft rasch verschwunden. Am Problem ändere das nichts: „Deshalb unser ganz klarer Aufruf, bitte nichts im Wald wegzuschmeißen.“

Gefangen in Stacheldraht

Auch größere Abfälle können fatale Folgen haben. „Wir haben immer wieder Last mit Stacheldrahtresten“, erläutert Michael Düben, Naturschutzreferent beim NABU Siegen-Wittenstein – etwa mit Resten landwirtschaftlicher Zäune, die der Besitzer nicht ordnungsgemäß entsorgt. Düben berichtet von einem Mäusebussard, der sich in Bad Berleburg-Rinthe vor einigen Jahren so heftig in ein Stacheldraht-Knäuel verstrickte, „dass wir Mühe hatten, ihn rauszuschneiden“. Ein Stück blieb in der Muskulatur eines Flügels hängen, eine Tierärztin operierte es heraus. Der Bussard überlebte, lebt nun aber in einem Gehege, da er in der freien Wildbahn keine Chance mehr hätte.

„Wir haben in der Natur mehr Müll, als wir denken“, betont Düben. Und über Bäche gelange viel davon auch letzten Endes ins Meer, wo Plastik sich in kleinste Teile zersetzt und so von Fischen aufgenommen wird – die dann letztlich mitunter wieder auf den Tellern mancher Menschen landen.

Es sei schwer, Menschen für solche Belange zu gewinnen, fürchtet Bärbel Gelling vom BUND. Wer größere Abfälle im Wald entdecke, solle möglichst rasch das Umweltamt darauf hinweisen – und es ansonsten wie die Umweltschützer machen. Die, so Gelling, hätten immer kleine Beutel dabei, um kleinere Abfälle aufzusammeln. „Wir unternehmen große Mühen für den Tier- und Artenschutz“, sagt Gelling. „Wenn das dann durch so etwas Vermeidbares wie Müll im Wald zunichte gemacht wird, ist das einfach schade.“

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