Mit Bürgern die Geschichte erforschen

Bei der Siegener Kreisbahn ersetzten Frauen als Schaffnerinnen und Fahrerinnendie eingezogenen Männer. Die Aufnahme stammt vermutlich aus dem Jahr 1917
Bei der Siegener Kreisbahn ersetzten Frauen als Schaffnerinnen und Fahrerinnendie eingezogenen Männer. Die Aufnahme stammt vermutlich aus dem Jahr 1917
Foto: WP
Das lokale Leben während des Ersten Weltkriegs will die Geschichtswerkstatt Siegen in Kooperation mit dem Stadtarchiv aufarbeiten. Die Ausstellung „Siegen an der Heimatfront – 1914-1918 – Weltkriegsalltag in der Provinz“ soll 2014 einen umfassenden Einblick geben, welchen Einfluss das Kriegsgeschehen auf Menschen, Gesellschaft und Entwicklungen unterm Krönchen hatte.

Siegen..  Das lokale Leben während des Ersten Weltkriegs will die Geschichtswerkstatt Siegen in Kooperation mit dem Stadtarchiv aufarbeiten. Die Ausstellung „Siegen an der Heimatfront – 1914-1918 – Weltkriegsalltag in der Provinz“ soll 2014 einen umfassenden Einblick geben, welchen Einfluss das Kriegsgeschehen auf Menschen, Gesellschaft und Entwicklungen unterm Krönchen hatte. Die Organisatoren hoffen auf Unterstützung der Bürger.

„Wir vermuten, dass sich sehr viel Material aus dieser Zeit in Privatbesitz befindet“, sagt Ludwig Burwitz, Leiter des Stadtarchivs. Letzteres hat zwar einiges an Dokumenten und Bildern in seinen Beständen. Aber das Ausstellungsteam interessiert sich für das, was auf Siegener Dachböden und in Kellern verborgen ist: Fotos und Briefe, Kleidung, Quittungen, Kinderspielzeug, offizielle Papiere. „Es wird sehr spannend sein, was die Bürger uns bringen“, sagt Burwitz.

Öffentliches Bewusstsein schaffen

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs jährt sich im Sommer 2014 zum 100. Mal. Viele Menschen setzen sich deshalb mit dem Thema auseinander, „überall in der Welt“, sagt Dr. Bernd D. Plaum, Vorsitzender der Geschichtswerkstatt. Vor rund zehn Jahren habe es einen Forschungsschub gegeben, aber in der Öffentlichkeit „ist der Zweite Weltkrieg wesentlich präsenter“.

Dafür gibt es mehrere Gründe, wie Stadtarchivar Burwitz, zugleich 2. Vorsitzender der Geschichtswerkstatt, erläutert. Zunächst sind die meisten Zeitzeugen, die diese Phase bewusst miterlebt haben, tot. Vor allem aber nimmt der Zweite Weltkrieg in der Wahrnehmung deutlich mehr Raum ein, weil er zeitlich näher an der Gegenwart ist, weil er fest mit dem Terror des Nazi-Regimes verbunden ist („Und die wirkliche Aufarbeitung des Nationalsozialismus hat erst spät begonnen“, so Burwitz) – und weil er den Schrecken in die Fläche trug.

Verliefen die Fronten im Ersten Weltkrieg noch weit im Westen und Osten, war das Kampfgeschehen auch und gerade durch den Einsatz von Bombern in den frühen 40er Jahren früher oder später praktisch allgegenwärtig. „Der Zweite Weltkrieg hat den Krieg erst vor die Haustür gebracht“, sagt Bernd Plaum.

In Siegen illustriert das der 16. Dezember – der Tag, an dem 1944 weite Teile der Stadt bei einer Bombardierung zerstört wurden und der nun als Gedenktag fest etabliert ist. „Der ist präsent“, sagt Burwitz. „Aber wer gedenkt in Siegen der Opfer des Ersten Weltkriegs? Da gibt es keine Erinnerungskultur.“

Dabei geht es Geschichtswerkstatt und Stadtarchiv selbstverständlich nicht um Kritik am bestehenden Erinnerungs-Engagement – sondern ganz im Gegenteil um eine Erweiterung der Perspektive. Was das Geschehen an der Front betrifft, so ist die Zeit von 1914 bis 1918 laut Burwitz „sehr gut aufgearbeitet“. Das gelte aber nicht für das Geschehen in der Heimat. „Genau das wollen wir einem größeren Publikum zur Kenntnis bringen“, betont Plaum.

Team sucht weitere Mitstreiter

Das Thema hat viele Facetten. Viele Betriebe stellten die Produktion auf Rüstungsbelange um. Frauen übernahmen neue Jobs, weil die Männer an der Front waren oder weil das Familieneinkommen nicht mehr reichte – die Lebensmittelknappheit trieb die Preise in die Höhe. Ersatzstoffe kamen auf den Speiseplan: Kinder mussten Brennnesseln oder Laubheu im Wald sammeln. Ausländer, auch wenn sie schon lange in Siegen lebten, wurden oft unter den Generalverdacht der Spionage gestellt. Kriegsgefangene mussten in Fabriken schuften, Verwundete wurden in diversen Lazaretten betreut.

Je mehr Material die Siegener nun bereitstellen – um so besser. Das Team wird alles sichten und eine Auswahl treffen, was in die Ausstellung kommt. Viel Arbeit, denn: „Wir wollen die Dinge nicht nur ausstellen. Wir müssen sie auch in einen historischen Kontext einordnen“, erklärt Christian Brachthäuser, Mitarbeiter des Stadtarchivs. Dafür ist ausdrücklich noch Verstärkung erwünscht.

 
 

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