Mit Bobbycars durch Rathausflure

Diesmal gehen Erzieherinnen, Eltern und Kinder gemeinsam auf den Roten Platz:  Mit ohrenbetäubendem Lärm machen sie klar, dass der
Diesmal gehen Erzieherinnen, Eltern und Kinder gemeinsam auf den Roten Platz: Mit ohrenbetäubendem Lärm machen sie klar, dass der
Foto: WP

Kreuztal..  Der Rote Platz als Kulisse für ein Trillerpfeifenkonzert — in der vierten Woche des Kita-Streiks sind Bild und Ton vertraut. Erst machen die Streikenden der Sozial- und Erziehungsdienste der Städte Siegen und Kreuztal und des Kreises Siegen-Wittgenstein ihrem Ärger Luft, dann die Eltern der aus den Kitas ausgesperrten Kinder. Und jetzt, am Montag, beide Gruppen gemeinsam.

Die Idee sei bei den wöchentlichen Elterntagen entstanden, berichtet Verdi-Gewerkschaftssekretär Michael Schnippering: Forderungen erklären, um zu vermeiden, dass sich der Unmut gegen die Erzieherinnen richtet. Was hier und da schon geschieht, wie Sarah Bub, Elternbeiratsvorsitzende in Krombach, berichtet: Die Meinung der Elternschaft sei gespalten, sagt sie. Am Mikrofon äußert sie den Wunsch, der alle verbindet: „Dass es möglichst schnell zu Ende geht.“ Ja, sagt Sarah Bub im persönlichen Gespräch, auch sie habe als Berufstätige nun ein Problem mit der Kinderbetreuung. Sie versuche, das Beste aus der Situation zu machen. „Aber ich bin immer noch der Meinung, dass der Beruf der Erzieherin aufgewertet werden muss.“

Grüne fordern Beitragserstattung

Ingrid Stähler hat Zahlen: 231 Kinder in den städtischen Kitas sind für die maximale Betreuungszeit von 45 Stunden pro Woche angemeldet. Die tarifliche Arbeitszeit der Erzieherinnen beträgt 39 Stunden — exakt: für 21 ihrer Kolleginnen. Denn die große Mehrheit hat Teilzeitverträge, die jeweils befristet und nach akuellem Bedarf aufgestockt werden. 73,5 Stellen im städtischen Stellenplan verteilen sich auf 124 Personen. „Fast nur Frauen“, sagt die Erzieherin, die in der Kita Ferndorfer Knirpse arbeitet. „Mit Kerlen hätte man das nicht machen können“, zitiert sie einen Kollegen.

„Die Eltern machen Druck, und das zu Recht“, stellt Gewerkschaftssekretär Michael Schnippering fest und freut sich über die, die — trotzdem – das Gespräch suchen. Was wird aus dem geplanten Ausflug, was aus dem Abschlussfest? „Die Türen im Streiklokal sind weit offen“, lädt Schnippering in die JBS ein, in der sich die Erzieherinnen Tag für Tag versammeln.

Günter Jochum richtet denn auch das erste Wort an die Eltern: „Dank an die Eltern und Familien, die ungefragt die Hauptlast dieser Auseinandersetzung tragen“, sagt der Vorsitzende der Grünen-Kreistagsfraktion und des Kreuztaler Sozialausschusses. Er kündigt an, dass seine Fraktion am heutigen Dienstag im Jugendhilfeausschuss des Kreises den Dringlichkeitsantrag stellt, Eltern der bestreikten Kitas in Kreuztal die Beiträge „ohne Wenn und Aber“ zurückerstattet. Dass das Kreisjugendamt das bisher verweigere, ebenso wie das Siegener Stadtjugendamt, „das kann nicht sein.“

„Tut was“, steht auf einem Transparent, das ein Junge auf seinem Bobbycar umherfährt. „Wir wollen wieder in die Kita“, steht auf einem anderen Plakat. Und noch viel ausformulierter: „VKA (Verband Kommunaler Arbeitgeber; d.Red.) sei kein Geier, ich will meine Abschlussfeier.“ Die Botschaften sind klar, doch aus dem Rathaus locken sie an diesem Montagmittag niemanden heraus, weder den Bürgermeister noch die Sozialdezernentin noch der Kämmerer. „Dann gehen wir eben rein“, sagt Michael Schnippering. Die Botschaft: „Wenn ihr nicht langsam in die Pötte kommt, dann spielt die Musik hier.“ So ohrenbetäubend wie jetzt bei der kurzen Invasion der Bobbycars und Tretroller — und trotzdem ungehört. Der Protestzug durch die Rathausflure ist vorbei. Aber sie kommen wieder, versprechen die kleinen und großen Bürger.

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