Mit 3D-Drucker nach Palästina – Siegener Studenten helfen wie gedruckt

Ilka Wiese
Computer-Session im palästinensischen Flüchtlingscamp al-Am’ari: Diesmal ging es Solarenergie – bald schon um 3D-Drucker. Das übernehmen dann die Studenten aus Siegen.
Computer-Session im palästinensischen Flüchtlingscamp al-Am’ari: Diesmal ging es Solarenergie – bald schon um 3D-Drucker. Das übernehmen dann die Studenten aus Siegen.
Foto: Oliver Stickel
Dominik Hornung und Oliver Stickel, HCI-Studenten an der Uni Siegen, arbeiten fünf Wochen in Palästina. Mit im Forscher-Gepäck – ein kleiner 3D-Drucker. Sie wollen Kindern in einem Flüchtlingslager die Technik zeigen. Die Studenten erzählen, über ihr spannendes Projekt und warum es zunächst Probleme bei der Einreise am Flughafen Tel Aviv gab.

Siegen/Ramallah.  Viereinhalb Stunden dauert die Kontrolle am Ben Gurion Airport in Tel Aviv, bis die Zöllner die Studenten Dominik Hornung und Oliver Stickel ins Land lassen. Im Gepäck haben die Siegener einen kleinen 3D-Drucker – selbst zusammengebaut, Kosten: 300 Euro. Am Flughafen wirft das viele Fragen auf, kritische Fragen. Nein, nicht um damit Waffen zu produzieren. Sie möchten Kindern im palästinensischen Flüchtlingslager al-Am’ari die Technologie erklären, das ist Teil eines Forschungsprojekts. Denn „digitale Fabrikation wird in der Zukunft eine enorme Bedeutung haben“, sagt Oliver Stickel, 26, Master-Student im Studiengang Human Computer Interaction (HCI). Soziale Teilhabe bedeute auch Teilhabe an Technik, gerade in Regionen, wo die Menschen wenig Geld haben.

Verabredung zum Interview via Skype. Siegen: 10 Uhr, Ramallah: 11 Uhr. Wildes Hupen im Hintergrund. Möp, möpmöp. Es donnert. Mehrfach. „Das sind ein paar Jungs, die mit Böllern spielen. Alles entspannt“, sagt Oliver Stickel.

Ein Gespräch über...

. . . Begegnungen in Palästina

„Die Menschen sind unheimlich freundlich“, sagt Oliver Stickel. Nicht auf die touristische Weise, wenn einem etwas angedreht werden soll. Plötzliche Begegnung, bleibende

Erinnerung. Einen Mann lernen die jungen Forscher auf dem Markt kennen. Er verkauft dort Süßes aus Grieß vom Blech. Sie kommen ins Gespräch, Fußball, das geht immer. Sie verstehen sich gut, er zeigt ihnen eine alte Moschee und plötzlich sind vier Stunden vergangen. „In Deutschland wäre so etwas undenkbar.“ Das wilde Hupen ist ein anderes als in der Heimat: Es ist eher ein: „Achtung, ich komme jetzt hier um die Kurve“ als ein „Verschwinde, du lahme Ente“. Ramallah. Eine lebendige Stadt.

. . . die Politik

„Klar, Politik ist immer ein Thema,“ sagt Stickel. „Wir sind keine Nahost-Experten, sondern Forscher. Und damit auch zu Neutralität verpflichtet.“ Die vielen Probleme vor Ort sind sichtbar. Nur ein Beispiel: Israel behält die Kontrolle über die Wasserversorgung.

. . . das Projekt

Keine Zelte, keine Container. Die Baracken dehnen sich nach oben aus. Im palästinensischen Flüchtlingscamp al-Am’ari ist aus dem Übergang eine Ewigkeit geworden. Hier, wo häufig der Strom ausfällt, 65 Prozent der Bevölkerung jünger als 17 Jahre alt sind, Bildung sehr teuer ist, die Chance rauszukommen, gering ist, betreibt die

Uni Siegen mit der Birzeit University einen Computer-Club. Er gehört zum Forschungsprojekt Come_IN unter der Leitung des Siegener Professors Dr. Volker Wulf. Auch in Deutschland gibt es schon viele solcher Clubs, in Schulen oder Jugendtreffs. Gerade in Problemvierteln. Im Flüchtlingslager al-Am’ari treffen sich die Mädchen und Jungen sonntags zu Computer-Sessions. Sie lernen etwas über Windkraft und Sonnenenergie, über das Internet. Die Kinder programmieren oder arbeiten mit 3D-Druckern. Diesen Part übernehmen Oliver Stickel, Dominik Hornung und der kleine „Printrbot“, so heißt der Drucker. Die Kinder lernen spielerisch. „Wir sagen nicht: Du baust jetzt dieses Modell.“ Die Kinder sollen auf ihre Lebenswelt zurückgreifen und die Technik anwenden.

. . . Drucken in 3D

„In den vergangenen Jahren explodiert dieser Industriezweig. Das ist eine Technik für die Zukunft.“ Auch in armen Regionen haben 3D-Drucker Potenzial. Oliver Stickel nennt ein beeindruckendes Beispiel aus der Medizintechnik. Eine Hand-Prothese in regulärer Herstellung kostet 30 000 Dollar, aus dem Drucker sind’s schlappe 30 Dollar.

So funktioniert ein 3D-Drucker 

Ein 3D-Drucker stellt dreidimensionale Modelle her, die zuvor am Computer konstruiert wurden. Derzeit werden verschiedene Technologien angewendet, die sich in Präzision, Kosten, Komplexität und Größe der druckbaren Modelle unterscheiden.

Die Arbeitsweise ist aber gleich: Additiv, Schicht für Schicht wird flüssiges oder festes Material aufgetragen, das später das fertige Produkt ergibt. Der kleine Drucker, der mit den Siegener Studenten auf die Reise gegangen ist, druckt Modelle aus Kunststoff in der Größe von maximal 10 x 10 x 10 Zentimeter.

Beim 3D-Drucken gibt es keinen Materialverlust, wie zum Beispiel beim Schneiden oder Bohren.

Drei Beispiele für 3D-Druck-Technologien:

1. Stereolithografie. Flüssiger, durch Lichtbestrahlung aushärtender Kunststoff wird durch einen Laser in dünnen Schichten fixiert, wodurch sich aus dem Kunststoff-Bad sehr detailgenaue Modelle aufbauen. Bald wird es voraussichtlich auch in Siegen einen solchen Drucker geben.

2. Pulver basiert. Das Pulver wird aufgetragen und mit einem chemischen Fixierer in der gewünschten Form behandelt. Das Resultat ist feinem Sandstein sehr ähnlich. Einen solchen Drucker gibt es bereits an der Uni Siegen.

3. Schmelzschichtung. Die bekannteste Methode und auch die günstigste. Das Modell wird Stück für Stück mit schmelzfähigem Kunststoff aufgebaut. „Ähnlich wie bei einer Heißklebepistole“, erklärt Oliver Stickel: Kunststoff rein, erhitzen und durch eine Düse Neues schaffen. Der Ducker, den die Forscher aus Siegen mit nach Ramallah genommen haben, arbeitet mit diesem Verfahren. An der Uni gibt’s gleich mehrere davon. Wie der kleine Printrbot arbeitet sehen Sie hier http://www.youtube.com/watch?v=lkPAVHzcZiM