Metallwerker aus besonderem Holz

Carry Jung ist Autist. Trotz düsterer Zukunftsaussichten absolvierte er eine Ausbildung bei der Walzengießerei Karl Buch. Auf das was andere sagen, hört er nicht.
Carry Jung ist Autist. Trotz düsterer Zukunftsaussichten absolvierte er eine Ausbildung bei der Walzengießerei Karl Buch. Auf das was andere sagen, hört er nicht.
Foto: WP
Autist Carry Jung absolvierte seine Ausbildung bei der Walengießerei Karl Buch in Siegen. Mit seinem Asperger Syndrom trotzte er vielen Schwierigkeiten

Weidenau..  Carry Jung ist Autist. Er antwortet knapp, sagt nur das Nötigste: „Spaß hat es gemacht.“ Aber irgendwann ist auch Schönes vorüber. Im Juni hielt er nach drei Jahren Ausbildung bei der Walzengießerei Karl Buch seinen Fachwerker-Brief in den Händen. Er ist jetzt Metallwerker.

Carry Jung hat das Asperger Syndrom in Kombination mit Hochbegabung. Menschen mit Asperger haben eine Kontakt- und Kommunikationsstörung, scheitern im beruflichen Umfeld oft an ihrem Sozialverhalten. Carry Jung ist das auf den ersten Blick nicht anzumerken. Lässig und entspannt drückt er zur Begrüßung fest die Hand seines Gegenübers.

Er startete vor einigen Jahren mit einem Schülerpraktikum in der Walzengießerei. Nach einem weiteren Jahrespraktikum begann er die Ausbildung. Torsten Hauke, der Ausbildungsbetreuer in der Firma, erzählt von Carry Jung: „Wenn viele Menschen um ihn herum sind, dann wird er schnell abgelenkt. Wir arbeiten hier in Gruppen zu vier bis fünf Personen, das ist ein anderes Arbeiten.“

Obwohl es ihm schwer fällt, sich mehr als drei Stunden voll zu konzentrieren, engagiert sich der 21-Jährige. Er schweißt, montiert, nimmt auseinander. „Es gibt viele Formen von Autismus“, sagt Torsten Hauke, der sich mit dieser Krankheit beschäftigte. „Carry arbeitet differenzierter. Er sieht Kleinigkeiten, die uns entgehen. Dabei vergisst er aber manchmal grundlegende Arbeitsschritte, auf die es ankommt.“

Torsten Hauke will nicht das Wort „Schwierigkeiten“ benutzen. Er spricht lieber über Besonderheiten, die die Arbeit mit dem Autisten mit sich bringt, eben diese Konzentration auf Feinheiten. Auf Dinge, die andere nicht beachteten. Es gab Höhen und Tiefen, „wie bei jedem anderen Auszubildenden auch.“

Carry Jungs Zukunft hätte düster werden können – wenn er auf andere gehört hätte. „Sein alter Lehrer sagte ihm, dass er später bei der AWO landen würde. Mehr würde er nicht schaffen“, sagt Bianca Heupel-Jung, Mutter des 21-Jährigen. Der Integrationsfachdienst (IFD) sah Carry Jungs Potenzial. Mit der Agentur für Arbeit, dem Autismuszentrum Netphen und dem Berufsbildungszentrum (BBZ) der IHK sowie der Walzengießerei arbeitete er ein Konzept zur „betrieblichen individuellen Berufsförderung“ aus.

Die Mitarbeiter wurden für den Umgang im Arbeitsalltag geschult. Torsten Hauke blickte danach anders auf Menschen: „Für mich persönlich veränderte sich mein Bild vom Autismus.“

Wieder auf Jobsuche

Zu Anfang kämpfte Carry Jung. Er bekam Einzelunterricht. Manche Dinge, die er in der Schule nicht verstand, wurden noch einmal durchgekaut und weiterentwickelt. Seine Ausbilder unterstützten ihn. Einfach war es trotzdem nicht.

Mit Jobcoach Ralf Wüllner lernte er, selbstständig zur Arbeit zu kommen. „Er hat alles mit mir gemacht. Fahrtraining. Ich musste nach Attendorn zur Berufsschule mit dem Bus fahren und umsteigen. Das hab ich allein nicht hinbekommen“, sagt Carry Jung. Heute ist er allein unterwegs. Er hat sein eigenes Auto. Er deutet die Straße hinauf. „Der kleine schwarze da oben, der gehört mir“.

Carry klingt stolz, wenn er von seiner neuen Selbstständigkeit erzählt. Er packt Herausforderungen an. Die Prüfung am Ende der Ausbildung war schwer. Sich lange auf eine Sache zu konzentrieren, das ist schwierig für ihn. Torsten Hauke sprach vorab mit dem Prüfungsausschuss, warnte vor den besonderen Umständen: „Er hat das absolut gut hinbekommen.“ Carry Jung entwickelte sich weiter, wurde stärker. „Er hat sich auf den Hosenboden gesetzt und seinen Lehrern gezeigt, dass es auch anders geht“, sagt sein Stiefvater Rüdiger Heupel.

Carry Jung arbeitet jetzt nicht mehr. Seine Ausbildung ist vorbei, die Firma Karl Buch kann die nötige Betreuung für eine Weiterbeschäftigung nicht gewährleisten. Die Jobsuche ist hart. Er will ein Praktikum machen, um die Unternehmen von sich überzeugen zu können. Persönlich, menschlich, mit seiner lässigen und zupackenden Art. Eine Chance dazu hatte er bisher noch nicht.

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