Messari-Becker: "Wir müssen einfacher und schneller bauen"

Der Energieausweis mit seinen  Balkendiagrammen ist ein Symbol: Umweltauflagen verteuern das Bauen. Das schafft soziale Probleme.Foto:Franziska Koark/dpa
Der Energieausweis mit seinen Balkendiagrammen ist ein Symbol: Umweltauflagen verteuern das Bauen. Das schafft soziale Probleme.Foto:Franziska Koark/dpa
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Siegener Professorin berät Bundesregierung in Umweltfragen. Soziale Aspekte so wichtig wie Klimaschutz

Siegen.. Die Siegener Professorin für Gebäudetechnologie und Bauphysik, Lamia Messari-Becker, ist neu in den Sachverständigenrat der Bundesregierung für Umweltfragen berufen worden. Sie vertritt im Rat die Bereiche Bauingenieurwesen und nachhaltige Stadtentwicklung. Die vierjährige Amtsperiode beginnt am 1. Juli.

Hatten Sie mit der Berufung gerechnet?

Lamia Messari-Becker: Nein, damit kann man nicht rechnen. Ich freue mich aber über die Auszeichnung. Auch deshalb, weil bislang der Bereich Bauen im Gremium nicht vertreten war und es höchste Zeit wird, dass dieses uns alle betreffende Thema hier auf die Agenda kommt.

Welche Rolle spielt das Bauen in der Umweltpolitik?

Ressourcenbewusstes Bauen und nachhaltige Stadtentwicklung sind nicht nur für die Energiewende und den Klimaschutz wichtig, sondern auch für die Gesellschaft.

Haben Sie auch konkrete Zahlen?

In Deutschland steht der Bausektor für 40% Anteil am Gesamtenergieverbrauch und für fast 20% des CO2-Ausstoßes. In internationalen Zahlen: 50 % Ressourcenverbrauch, 40% Energieverbrauch, 40% Ausstoß der klimaschädlichen Gase, 70 % Flächenverbrauch und 50% Abfallaufkommen gehen auf das Bauen zurück. Gleichzeitig steht die Branche weltweit für 7% Jobs und 10% des BIP.

Sie blicken aber nicht nur auf die Gebäude?

Wir sollten unser Blickfeld erweitern auf eine nachhaltige Stadtentwicklung. Ein Beispiel: Es hilft wenig, energieeffiziente Neubauten in Gebieten mit unzureichender Verkehrsinfrastruktur zu schaffen und die Bewohner dann mit Individualverkehr zur Arbeit fahren zu lassen. Hier verlagern wir den Energieverbrauch vom Gebäude auf die Straße.

Es geht also um Klimaschutz?

Die Überführung in eine ressourcenbewusste Kreislaufwirtschaft ist zentral. Andererseits geht es um soziale Stabilität und Lebensqualität, um Mobilität, erschwingliche Energiepreise und Wohnraum.

Wie soll das funktionieren?

Die Kosten der technischen Gebäudeausrüstung sind in den vergangenen 15 Jahren um 45 Prozent gestiegen. Dabei spielen sowohl Bauvorschriften als auch Energiestandards aber auch Planungsprozesse eine wichtige Rolle. Wir müssen einfacher und schneller bauen, ohne es mit „billig“ zu verwechseln. Vorgefertigte Bauteile, optimierte Grundrisse und hohe Wiederholungsfaktoren können die Baukosten senken. Wir bauen in Deutschland sehr individuell. Um das mit einem kostengünstigen Systembau zu vereinen, müssen wir technologische und planerische Antworten haben. Zum Beispiel können Fassaden durch Materialität und Architekturqualität dennoch individueller bleiben. Das muss in einer Ingenieurnation gelingen. Zum anderen brauchen wir neue Förderungsstrategien. Und Kommunen müssen in die Lage versetzt werden, Grundstücke verbilligt bis kostenneutral an die Wohnungsbauunternehmen mit sozialem Auftrag zu vergeben.

Was können die Kommunen tun?

Unsere Bebauungspläne sind von gestern, unserer Bedürfnisse aber von heute. Die Bebauungspläne gehören also modernisiert. Die Nachverdichtung ist z.B. nicht implementiert. Oder nehmen Sie den sog. Parkplatzschlüssel. Innerstädtische Tiefgaragen im Wohnungsbau sind extrem kostentreibend. Diese Vorgaben müssen sich den Mobilitätstrends anpassen. Junge Menschen wollen weniger Autos und brauchen deshalb weniger Parkplätze.

Welche Rolle spielt der Bestand?

Eine sehr wichtige, denn der Neubau in Deutschland macht nur drei Prozent aus. Will man Ziele der Energiewende und des Klimaschutzes erreichen, müssen hier Fortschritte erzielt werden.

Was können die Hochschulen für Nachhaltigkeit im Bauwesen tun?

Diese Themen nehmen in der Lehre immer noch einen zu geringen Stellenwert ein. Und wir brauchen noch mehr Vernetzung. Architekten und Bauingenieure müssen schon im Studium mehr zusammenkommen.

 
 

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