Keine Hinweise auf Gestapo-Gefängnis

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Für eine Vergangenheit des Unteren Schlosses als Spezialgefängnis der Gestapo haben sich vor Ort bisher keine Belege gefunden. „Es gibt keine Hinweise, dass die Gestapo im Gefängnis aktiv geworden ist“, sagte Wolfgang Fritzsche, freiberuflicher Gutachter für den Denkmalschutz, gestern beim Rundgang durchs Gebäude.

Siegen.  Für eine Vergangenheit des Unteren Schlosses als Spezialgefängnis der Gestapo haben sich vor Ort bisher keine Belege gefunden. „Es gibt keine Hinweise, dass die Gestapo im Gefängnis aktiv geworden ist“, sagte Wolfgang Fritzsche, freiberuflicher Gutachter für den Denkmalschutz, gestern beim Rundgang durchs Gebäude. Die Niederlassung Soest des Bau- und Liegenschaftsbetriebs NRW hatte zu dem Termin eingeladen. Niederlassungsleiterin Therese Yserentant ist in Anbetracht der Ergebnisse zuversichtlich, was den Umbauzeitplan betrifft: „Wir setzen alles daran, das Untere Schloss bis Ende 2015 vollständig für die Universität fertig zu haben.“

Die LWL-Denkmalpflege hatte die Untersuchung im Wittgensteiner Flügel – dem Trakt, in dem auch die Zweigstelle der Justizvollzugsanstalt Attendorn untergebracht war – angestoßen, da Informationen auf eine unrühmliche Geschichte des Baus hindeuteten. Es hieß, dass die Gestapo dort ein Gefängnis mit ungewöhnlich hoher Selbstmordrate betrieben habe. Warum die Suizidquote so hoch war, darüber erhoffte sich der LWL Erkenntnis aus der Untersuchung von Wänden und Böden: Häftlinge hätten, was in ähnlichen Fällen andernorts vorgekommen ist, beispielsweise schriftliche Botschaften auf Wänden oder Zettel in Bodenlöchern oder Mauerritzen hinterlassen können.

„Wir haben etwas gefunden. Es ist aber nicht unbedingt das, was wir gesucht haben“, erklärt Gutachter Fritzsche. Das erschließt sich auch dem Laien: Die Figur beispielsweise, die ein Häftling in einer der Übergangszellen an die Wand gezeichnet hat — bevor er seine endgültige Zelle zugewiesen bekam – sieht aus wie eine Kreuzung aus Batman und Catwoman. Für Comic- und Videospielfans mag das ein interessanter Ansatz sein, mit der Nazizeit hat es aber eindeutig nichts zu tun. „Das sind ganz normale Kritzeleien. Nicht sehr spektakulär“, räumt Fritzsche ein. Von eben diesen mehr oder minder künstlerischen Hinterlassenschaften aus jüngerer Vergangenheit gibt es viele auf den Wänden. Im Zuge der Untersuchung wurden einige fotografisch festgehalten.

Die Wand in Zelle 31 im Gefangenentrakt trägt auf einer kleinen rechteckigen Fläche ein eingeritztes Rautenmuster. „Da hatte jemand viel Zeit und Langeweile“, kommentiert Fritzsche. Vermutlich stammt das Werk aus den 70er oder 80er Jahren. Und im Kartoffelkeller, einem wirklich beklemmenden Raum, den der Gutachter sich genau anschaute – da das Gewölbe eine Atmosphäre verströmt, wie man sie in einem Folterraum erwarten würde – fanden sich keine Belege für Gestapo-Aktivitäten.

All das ändert nichts am Aufwand, der für die Untersuchung erforderlich war. Gerade, weil die Zellenwände von den Insassen oft nicht sehr pfleglich behandelt wurden, waren teilweise mehrere Anstriche im Jahr erforderlich. Hätten sich Botschaften aus der fernen Vergangenheit an den Wänden befunden, hätten sie unter mehreren Schichten Farbe und Putz versteckt gelegen. Und es ändert auch nichts an der Geschichte des Schlosses, das trotz allem auch Gestapo-Standort war.

Fritzsche, der nicht nur das Gebäude unter die Lupe nahm, sondern auch Archive durchforstete, verweist auf den Gestapo-Mann Otto Faust. Dieser hatte ein Verhörzimmer im Westflügel des Schlosses, und durch Zeugenaussagen ist belegt, dass er dort so genannte ausländische Arbeiter misshandelte. Im Wittgensteiner Flügel aber, so Fritsche, sei „ein ganz normales Gefängnis gewesen“. Dass sich dort Gräuel ereignet haben könnten, für die es heute nur keine Belege mehr gibt, schließt er allerdings nicht aus.

 
 

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