„Jüngster Friede“ von Thomas Gatzemeier in Siegen ausgestellt

Die Figuren des Projekts „17 Plastiken“ stehen für die Mordopfer rechtsextremer Täter im Jahr 1992.Die Körper sind verstümmelt, wirken wie verbrannt und stehen zwischen sargähnlichen Holzkisten.
Die Figuren des Projekts „17 Plastiken“ stehen für die Mordopfer rechtsextremer Täter im Jahr 1992.Die Körper sind verstümmelt, wirken wie verbrannt und stehen zwischen sargähnlichen Holzkisten.
Foto: WP
  • Vielseitiger Künstler zeigt politische Arbeiten im Haus Seel
  • Düster, verstörend und zeitlos
  • Für das Hinsehen – und gegen den Extremismus

Siegen.. Betroffenheit habe ihm ein Journalist attestiert, als er 1994 sein Ensemble „17 Plastiken“ im Berliner Reichstag zeigte. „Aber ich war nicht betroffen“, sagt Thomas Gatzemeier. „Ich war wütend, einfach stinksauer.“ Zu dem Werk, das nun in seiner Ausstellung „Jüngster Friede“ im Haus Seel zu sehen ist, hatten ihn die rechtsextremistisch motivierten Morde des Jahres 1992 veranlasst. Offiziell waren es in Deutschland 17 Opfer, faktisch waren es mehr, Deutsche ebenso wie Menschen mit ausländischem Hintergrund. „Dieser hirnlose Mob, der schlägt auf alles ein.“

Aus der DDR ausgebürgert

Heute ist Gatzemeier, 1954 im sächsischen Döbeln geboren und 1986 aus der DDR ausgebürgert, immer noch wütend. Oder wieder. Freundlich, unaufgeregt, aber enthusiastisch spricht er im Haus Seel über seine Arbeiten. Aber er nimmt kein Blatt vor den Mund, und wenn man es denn so formulieren kann: Er nimmt auch kein Blatt vor den Pinsel.

Im Haus Seel werden „erstmals seine wichtigsten Werke mit einem dezidiert politischen Bezug in einer großen Ausstellung zusammengefasst“, beschreibt es der Siegener Kunstverein als Veranstalter. Der heute in Kassel und Leipzig lebende Künstler bietet visuellen Klartext. Die „17 Plastiken“ sind lebensgroße Körper, verstümmelt, sie sehen aus wie Verbrennungsopfer und stehen zwischen sargähnlichen Holzkisten. Eine Ästhetik des Morbiden, die den oberen der beiden Ausstellungsräume beherrscht, fesselt den Blick an ein Grauen, das längt nicht überwunden ist. In diesem Jahr, sagt Gatzemeier, gebe es bisher offiziell bereits elf Opfer rechter Morde.

Nacktheit ist ein wiederkehrendes und dominantes Element seiner Bilder, eine ungeschönte, authentische Nacktheit von Männern und Frauen. Seine Gemälde sind explizit. Alles ist zu sehen, aber nichts ist zur Schau gestellt. Es ist eine Gratwanderung, die der 61-Jährige meistert. „Man kann Verletzlichkeit schlecht darstellen, wenn man Figuren Jeans und T-Shirt anzieht“, sagt er. Doch gerade seine Frauenfiguren sind keine Opfer, keine Schwächlinge. „Bei mir sind Frauen keine Objekte. Es ist die kritisch selbstbewusste Frau.“

Opportunismus benennen

So mustern seine Modelle den Betrachter ebenso wie umgekehrt, fordern eine Reaktion oder zumindest eine Positionierung vom Publikum. Ein Bild wie „Die Hitler kommen und gehen, aber das deutsche Volk bleibt / Stalin“ aus dem Jahr 1980 ist nichts, was sich harmlos im Hintergrund an eine Wand schmiegt. Selbstbewusste Frauen und zusammengesunkene und verwundete Männer bilden eine Gruppe, im Hintergrund hängt das Bild eines Menschen in Nazi-Uniform. Alle Personen davor sind nackt, bis auf einen blechtrommelnden Oskar Matzerath. Für Gatzemeier hat das Stalinzitat eine Bedeutung, die über eine Tatsachenfestellung hinausgeht.Das Naziregime mag überwunden sein, „aber das Volk hat es mitgemacht“, sagt der Künstler, und zwar bezogen auf die DDR „von einer Diktatur in die nächste“.

Es ist die Ausdrucksstärke, die universelle Präsenz seiner Figuren, die trotz der Bezüge zu konkreten historischen Abschnitten seinen Werken Allgemeingültigkeit und etwas Zeitloses verleiht. Selbst ein „typisches DDR-Bild“ (Gatzemeier) wie „Audienz“ aus dem Jahr 1983, in dem die Figuren ein abstoßendes, monströses Wesen anbeten, geht über die Dimension der verschlüsselten Regimekritik seiner Entstehungszeit hinaus. Die Themen und Fragen, die Gatzemeier anpackt, entzünden sich zwar an konkreten Momenten – aber immer wieder und in verschiedenen Zusammenhängen.

Die Probleme sind nicht verschwunden

Heutige Betrachter mögen sich manchmal schwer tun mit Kunstwerken, die fest an einen längst vergangenen Kontext geknüpft sind – weil sie nicht an die gegenwärtige Alltagserfahrung anknüpfen. Gatzemeier hat eine visuelle Sprache geschaffen, die keine Brücken baut, sondern Straßen. Er verbindet nicht zwei geschichtliche Punkte miteinander; er findet von einem Ausgangspunkt aus einen Weg in die Zukunft, der zu jedem künftigen Punkt eine schlüssige Ausfahrt hat.

Etwa im „Zyklus Todesfuge“ von 1989. Auf der Suche nach – in der DDR knappem – Material gelangte er an großformatige Akademiezeichnungen von weiblichen Akten, Ende der 30er Jahre im damals zeittypischen Stil von einem jungen Mann mit den Initialen „RF“ angefertigt, der in Stalingrad fiel. „Das Motiv der Nazifrau“, beschreibt es Gatzemeier offen. Er ergänzte diese Bilder, indem er Elemente hinzusetzte: Einmal den Text von Paul Celans „Todesfuge“, einmal einen Torbogen aus Spermien, „die Frau als Gebärmaschine“. Er kommentiert ein Frauenbild, das heute überholt sein sollte. Doch gerade damit fragt er auch nach dem Frauenbild der Gegenwart.

Noch immer sind die vermeintlich alten Probleme nicht überwunden, und Gatzemeiers Arbeiten zwingen zur Auseinandersetzung mit dieser Erkenntnis. „Gehen Sie mal in eine einfache Kneipe im deutschen Osten. Dann wissen Sie, was los ist.“

 
 

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