Jesiden demonstrieren in Siegen – „Leide mit meinem Volk“

Ilka Wiese
Die Jesiden aus Siegen riefen zur Demo in der Stadt auf. Knapp 1000 Menschen zogen zur Kundgebung am Scheinerplatz.
Die Jesiden aus Siegen riefen zur Demo in der Stadt auf. Knapp 1000 Menschen zogen zur Kundgebung am Scheinerplatz.
Foto: WP
Zwischen 800 und 1000 Demonstranten, so die Angaben der Polizei, beteiligen sich an der Demonstration, zu der die Vereinigung der Jesiden in Siegen aufgerufen hatte. Eine ältere Frau in der ersten Reihe durchbricht die Schweigeminute für die Menschen, die im Nordirak sterben und auf der Flucht sind.

Siegen. Die ältere Frau in der ersten Reihe erhebt ihre Stimme, sie durchbricht die Schweigeminute für die Menschen, die im Nordirak sterben und auf der Flucht sind. Das Gesicht liegt in schmerzverzerrten Falten. Laut ruft sie auf Kurdisch in die Menge auf dem Scheinerplatz. Sie beklagt das Leid der Jesiden, das Leid von unzähligen Frauen, die von den Mitgliedern der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) im Irak vergewaltigt werden, verkauft werden wie Vieh. Zwischen 800 und 1000 Demonstranten, so die Angaben der Polizei, beteiligen sich an der Demonstration, zu der die Vereinigung der Jesiden in Siegen für Sonntagnachmittag aufgerufen hatte.

Humanitäre Hilfe gefordert

Die Menschen ziehen vom Bismarckplatz in Weidenau bis zum Apollo-Theater. Die Kinder tragen T-Shirts mit kleinen, roten Handabdrücken, die Frauen Kittel mit roten Spritzern und Flecken. Das Rot steht für das Blut, das die Menschen im Nordirak vergießen. „Wir müssen die Weltöffentlichkeit darauf aufmerksam machen“, ruft Ziyad Yousuf, Mitglieder der Jesiden-Vereinigung aus Siegen. Er bedankt sich für die humanitäre Hilfe, die von den Vereinten Nationen bereits geleistet wurde, und fordert weitere Hilfe.

Immer noch seien mehr als 1000 Menschen auf den Bergen der Shingal-Region gefangen. Sie würden verdursten oder verhungern oder auf der Flucht von der ISIS massakriert, wenn sie nicht zum Islam konvertieren. „Die Terroristen missbrauchen den Islam für ihre Gräueltaten.“ Der Islam rechtfertige keinen Mord.

„Stoppt den Völkermord.“ Immer wieder flammen die Rufe auf. „Du musst kein Jeside sein, um für Shingal einzustehen. Es reicht, Mensch zu sein“, steht auf einem Schild, das viele Menschen tragen.

Geflochtenes Band in den Haaren

Weiter hinten steht eine junge Demonstrantin, 22 Jahre alt, aus Siegen. Wie ihre Freundinnen trägt sie ein geflochtenes Band in den Haaren – grün, gelb , rot. Die Farben des kurdischen Parlaments im Exil. Grün für die PUK, gelb für die PDK und rot für die PKK. „Das ist schlimmer als jeder Horrorfilm, was da passiert“, sagt sie. Sie selbst vermisse zum Glück keinen aus ihrer Familie. Aber sie kenne eine Frau aus Siegen, die alle Angehörigen verloren hat. Die ganze Familie sei von der ISIS ausgelöscht worden. „Ich leide mit meinem Volk“, sagt sie. Die Stimme ist heiser, in den Händen hält sie ein Plakat. „Stoppt den Terror.“ Ihren Namen möchte sie nicht in der Zeitung lesen. Man wisse nie, wie die ISIS auch in Deutschland drauf sei.

Für verlogen hält Martin Gräbener, Fraktionschef der Linken in Siegen, die Haltung der westlichen Regierungen. Zum einen liefen Waffengeschäfte, zum anderen werde das Leid beweint. Er forderte, das Verbot der PKK aufzuheben, damit sich die Menschen selbst verteidigen können. Denn diese Guerilla-Kämpfer seien momentan die einzigen, die den Minderheiten im Irak wirklich helfen würden.