In Siegener Demenz-WG führen neun Menschen ein normales Leben

In der Siegener Demenz-WG geht es um ein ganz normales Leben für die neun Menschen.
In der Siegener Demenz-WG geht es um ein ganz normales Leben für die neun Menschen.
Foto: Hendrik Schulz
In der Villa Fuchs in Siegen-Weidenau leben neun Menschen mit Demenz in einer Wohngemeinschaft. Betreut werden sie von Mitarbeitern der Caritas, die ihnen zwar helfen, aber vor allem möglichst lange ein möglichst normales und selbstbestimmtes Leben ermöglichen sollen. Dreh- und Angelpunkt des Tagesablaufs sind die Mahlzeiten.

Siegen/Weidenau.. Fürs Mittagessen wird gebacken. Gleich kommt die Suppe auf den Herd und dazu soll es Brötchen geben. Bufdi Katja Wolf hat einen Hefeklumpen gerollt, bis eine lange Teigschlange daraus geworden ist, und sie zu einem Zopf geflochten. Frau S. versucht das jetzt auch, aber es gelingt ihr nicht. Die Teigschlange wird kein Zopf, egal was sie versucht.

Verloren und unglücklich sitzt sie am Küchentisch des Gemeinschaftsraums der Villa Fuchs in Weidenau. Da fällt ihr etwas ein: Schnell legt sie eine Schlaufe und packt die Brezel aufs Blech. Sie strahlt. Betreuungskraft Timo Sosniak versucht sich auch an einer Brezel. „Schaff ich nicht, Frau S.“ Frau S. strahlt noch mehr.

Frau S. ist eine von neun Mietern in der Villa. „Wohnen wie daheim. Gemeinschaftliches Wohnen für pflegebedürftige ältere Menschen“ beschreibt sich die von der Caritas betriebene Einrichtung. Die neun Mieter sind an Demenz erkrankt, vergessen zunehmend, wer sie sind, ihre Familie, ihr Leben. Unaufhaltsam. Meist haben sie zuletzt bei Angehörigen gewohnt, bis es nicht mehr ging. Irgendwann brauchen Demenzkranke eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung.

Leben in der Villa wie zu Hause

Das Leben in der Villa ist möglichst nah an der privaten Lebenssituation ausgerichtet: Die Menschen sind keine Bewohner, sondern Mieter. Sie haben ihr eigenes, individuell eingerichtetes Zimmer, Bad auf dem Flur, wie zu Hause auch. „Die Fähigkeiten der Mieter sollen so lange wie möglich erhalten bleiben“, sagt Thomas Weber, Bereichsleiter der Caritas. Von der Villa ist das Einkaufszentrum Weidenau zu Fuß zu erreichen, möchte jemand heiße Fleischwurst statt Eintopf, geht man einkaufen. Manche gehen regelmäßig zum offenen Singen, zum Friseur oder in den Gottesdienst. Weber: „Was alle Menschen in ihrem Alltag tun, tun wir hier auch.

Fester Tagesablauf wichtig für Menschen mit Demenz

Wichtig ist eine feste Tagesstruktur. Menschen mit Demenz leiden unter zeitlicher und räumlicher Desorientiertheit und Merkfähigkeitsstörungen, sagt Weber. Die festen Mahlzeiten ziehen sich wie ein roter Faden durch den Tag. Wo es geht, helfen die Mieter mit: Essen zubereiten, Wäsche falten. Anziehen und Waschen. Geht es nicht, stellt die Caritas-Sozialstation Pflegepersonal zur Verfügung – das aber nicht im Haus ist, sondern ins Haus kommt. Wie zu Hause.

Frau L. wollte in die Villa einziehen, sie wohnte allein und fühlte sich auch so. Sie wollte mit anderen Menschen zusammenleben, erst recht, als sie krank wurde. Die meisten Mieter suchen Gesellschaft, kaum einer zieht sich lange aufs Zimmer zurück. Während Frau L. Brötchen formt, klingelt das Telefon, ihre Tochter will sie zum Einkaufen abholen. „Zue Schuhe, aber für den Sommer“, sagt Frau L. „Aber ich kann jetzt nicht gut, ich hab die Hände voller Mehl.“ Sie legt unvermittelt auf und geht auf ihr Zimmer.

Demenz-Kranke leben in ihrer eigenen Realität

Der Umgang mit an Demenz erkrankten Menschen ist nicht einfach. „Manchmal leben sie in ihrer eigenen Realität“, sagt Helene Kretzer, die Hausleiterin. „Wenn jemand glaubt, dass sie gerade 20 ist, kann ich ja nicht darauf bestehen, dass das nicht stimmt.“ Die Angehörigen erzählen dem Personal so viel es geht über die Mieter, damit sie in solchen Situationen mitspielen können. Was oft genug nicht klappt. Zum Beispiel wollen Demenzkranke häufig nach Hause. Das ist aber nicht das letzte eigene Zuhause, sondern das Elternhaus. „Badezimmer“ steht an den Türen auch in Sütterlinschrift, im Fahrstuhl sind die Etagenknöpfe beschriftet, wer wo wohnt.

Es geht um sinnvolle Tätigkeiten

„Kartoffeln schälen kann man sehr lange“, hat Helene Kretzer beobachtet. Auch bei den Brötchen kommt es nicht darauf an, dass es gut aussieht. Frau S. soll das Gefühl bekommen, dass sie etwas Sinnvolles tut, und durch die Aktivität wird sie geistig gefordert. Es geht nicht um die fachmännische Ausführung, sondern um das Mitmachen und Gebrauchtwerden.

Herr R. will keine Umstände machen, wie viele alte Männer möchte er nicht zur Last fallen. „Sagen Sie mir, wenn was weh tut!“, betont Helene Kretzer. Nee, nee, alles in Ordnung. Sie schäkern ein bisschen. „Das hier ist mein Beruf“, sagt Kretzer, sie lernt die Menschen kennen, wenn sie bereits dement sind, auch für sie wäre es etwas völlig anderes, würde ein Angehöriger an Demenz erkranken. Sie geht ungezwungen mit den alten Leuten um, wie auch ihre Kollegen. Sie erzählen, erklären und fragen alles mögliche, wie Eltern mit ihren kleinen Kindern und vielleicht ist diese Analogie nicht ganz falsch.

Demenz ist eine Daseinsform am Ende des Lebens

„Demenz ist eine Daseinsform am Ende des Lebens, wie die Kindheit“, sagt Thomas Weber. Manche wissen irgendwann nicht mehr, was eine Gabel ist; nicht mehr ,was Essen überhaupt ist. Und irgendwann vergisst der Körper zu leben.

EURE FAVORITEN