Historiker erforschen NS-Verankerung im Siegerland

Bürgertum und Mittelschicht sympathisierten häufig mit dem System, so Opfermann. Hier eine Aufnahme einer NS-Kundgebung auf dem Kornmarkt.
Bürgertum und Mittelschicht sympathisierten häufig mit dem System, so Opfermann. Hier eine Aufnahme einer NS-Kundgebung auf dem Kornmarkt.
Foto: WR
Dr. Ulrich Opfermann und Joe Mertens erforschen, wie die NS-Ideologie die Siegerländer Gesellschaft beeinflusste. Dabei treten auch bekannte Persönlichkeiten zutage.

Siegen.  NS-Gesellschaft und Verankerung der Nazi-Ideologie in der Bevölkerung sind Thema des „Regionalen Personenlexikons“, das die Mitautoren Dr. Ulrich Opfermann und Joe Mertens jetzt der Öffentlichkeit vorgestellt haben. Die Regionalhistoriker haben auf der Homepage bislang 2000 Kurzbiografien Siegerländer Persönlichkeiten gesammelt und ihre Rolle in der Nazi-Diktatur durchleuchtet. „Die Forschung hat sich viel mit der Opferperspektive befasst“, so Joe Mertens, nun wolle man eine „Täterperspektive“ einnehmen, gleichwohl ein schwieriger Begriff. Ziel: Lücken der Geschichtsforschung schließen.

Denn es gehe nicht nur um Täter und Straftaten. Aber um Förderer und Profiteure aus allen Gesellschaftsbereichen, die den Aufstieg des NS begünstigten. Ziel des Personenlexikons ist es, diese Verstrickungen auf regionaler Ebene offenzulegen. Besonderes Augenmerk legen die Regionalhistoriker auch auf die Auswertung von Entnazifizierungsakten: Angeblich habe man nachher nichts von den Nazi-Gräueln gewusst, tatsächliche Akteure seien eine scheinbar verschwindend kleine Minderheit gewesen. Opfermann „Das hat mit der Realität nichts zu tun.“

„Uns unterlaufen Fehler“, betont er und bittet um Korrekturen und Ergänzungen der stetig wachsenden Seite.

Statistisch gesehen ist das Regionale Personenlexikon nicht repräsentativ. Thesen ließen sich allerdings ableiten, so Opfermann: Vor allem Bürgertum und Mittelschicht sympathisierten häufig mit der NSDAP, waren zumindest offen gegenüber dem System, wenn vielleicht auch keine Wegbereiter. „Auch wer nicht tief involviert war, hat zur Legitimation des Systems irgendwie beigetragen“, so Opfermann.

Interessante Namen

Carl Friedrich „Fritz“ Fries: Sozialdemokrat und Oberbürgermeister Siegens. 1932 Vorsitzender der linken „Eisernen Front“, von 1944 bis 45 Bunkerbeauftragter der Stadt. Opfermann: „Im Sinne unserer Kriterien gehört er nicht ins Lexikon, aber zum Verständnis der Lage steht Fries doch drin.“
Wilhelm Langenbach: Laut dem NS-belasteten Lothar Irle Heimatschriftsteller und -historiker. Was sich nicht in der gängigen Heimathistorie finde: Langenbach sprach sich für Vernichtung von Zigeunern durch Sterilisation aus – und deutete Schlimmeres an.

Kommentar: Unbequeme Fakten 

Der Sprachwissenschaftler Utz Maas hat in seinem Buch „Als der Geist der Gemeinschaft eine Sprache fand“ das Phänomen beschrieben: Die Gesellschaft als Ganzes war durchdrungen von der Nazi-Ideologie. Keine Schicht, der die NS-Diktatur nicht ein Angebot gemacht hätte, sich in ihr wiederzufinden. Wer kein Antisemit war, den sprach Militarismus, die „Kriegs-Schuldlüge“, oder das Heimatbewegte an. Irgendwo konnte jeder an die aus verschiedensten Strömungen zusammengeschmiedete NS-Gedankenwelt andocken.


Wenn Namen wie Alfred Fissmer oder Fritz Fries im Personenlexikon auftauchen, heißt das nicht, dass sie Täter waren. Aber es zeigt, wie tief die braune Soße in die Gesellschaft eingesickert ist. Nachher will niemand etwas mitbekommen haben. Haben sie doch.

Links zu Originaldokumenten 

Die Seite hat die etwas sperrige URL: akteureundtaeterimnsinsiegenundwittgenstein.blogsport.de.

Links zu Originaldokumenten und detaillierte Belege bieten eine Grundlage etwa für Schul-Facharbeiten.

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