Herrengarten in Siegen soll neuer Stadtpark werden

Bauarbeiten am Herrengarten in der Siegener Innenstadt.
Bauarbeiten am Herrengarten in der Siegener Innenstadt.
Foto: WP
Das Land will den Abbruch des Einkaufszentrums mitfinanzieren.

Siegen..  Siegen, soeben von der Berliner Morgenpost als Deutschlands grünste Großstadt ermittelt, wird noch ein bisschen grüner: um genau 2000 Quadratmeter. Denn der Herrengarten wird spätestens zu Beginn des nächsten Jahrzehnts — wieder — zum Stadtpark. Das Land NRW ist bereit, 80 Prozent der Kosten von 7,3 Millionen Euro für den Kauf des Grundstücks, den Abbruch des Einkaufszentrums und die Gestaltung der Grünanlage zu übernehmen.

„Eine Jahrhundertchance“, sagt Bürgermeister Steffen Mues, „ich kann mir nicht vorstellen, dass wir die noch einmal bekommen.“ Die Landesregierung habe offenbar erkannt, „dass wir uns auf einem Weg befinden, der Siegen zukunftsfähig macht.“ Beeindruckt habe wohl auch, wie Siegens Stadtgesellschaft hinter dem Regionale-Projekt „Zu neuen Ufern“ stehe, das mit dem Herrengarten nun abgerundet wird. „Das war der Schlüssel“, vermutet Wirtschaftsförderer Gerald Kühn.

Was bisher geschah

Im Sommer 2013 hatte der Rat den kleineren Teil des Einkaufszentrums erworben. Dieses Ausüben des Vorkaufsrechts war im Rat umstritten, SPD, UWG und Linke waren dagegen. Die Kosten gibt die Verwaltung heute mit etwa 20 Prozent des gesamten Preises für das Herrengarten-Projekt an. Mit — demnach – etwa 1,5 Millionen Euro wäre zugleich der Eigenanteil der Stadt bereits bezahlt.

Fast zwei Jahre haben Sparkasse und die Bauunternehmungen Quast und Runkel, die in der „Bahnhofs-Arkaden GmbH“ zusammenarbeiten, für den Erwerb des anderen, größeren Teil des Einkaufszentrums gebraucht. „Das Risiko hätte kein Beamter und kein Poltiker tragen können“, berichtet Reinhard Quast über die komplexen Verhandlungen mit 16 Teileigentümern.

Im Frühjahr 2016 standen drei Alternativen im Raum:
Stadt und „Arkaden“ machen aus dem Herrengarten ein gemeinsames Projekt, halb Einkaufszentrum, halb Grünfläche. „Das hätte das Land mit keinen Cent finanziert“, sagt Bürgermeister Mues.

Die Stadt verkauft ihren Anteil an die „Arkaden“ — diesen Vorschlag hatte die Verwaltung dem Rat bereits unterbreitet. „Weniger hässlich“ wäre der Herrengarten dann geworden, räumt Sparkassen-Chef Wilfried Groos ein, aber eben kein Park. „Da wären wir dann an unsere Grenzen gekommen“, erinnert Reinhard Quast an die Rendite-Gebote der privaten Investoren. Gedacht war an ein „Haus der Wissenschaft“ für die Uni, ein Café und ein begrünter Vorplatz.

Die „Arkaden“ verkaufen ihren Anteil an die Stadt — so will es der Bürgermeister jetzt dem Rat vorschlagen. „Wir können der Stadt und ihren Bürgern dazu nur gratulieren“, sagt Wilfried Groos. Eine Skulptur oder Bäume würde die Sparkasse dazu stiften, „wenn’s gewünscht wird“. „Immer“, nimmt Bürgermeister Mues an.

Was nun passiert

„Jetzt müssen Sie nur noch die politischen Grenzen überwinden“, ermuntert Reinhard Quast den Bürgermeister mit Blick auf die bevorstehende Ratsentscheidung. Danach wäre ein europaweit auszuschreibender Gestaltungswettbewerb fällig. Nach dem Abriss werde neben der Bundesknappschaft und die Uni optisch in die erste Reihe rücken. „Da gehört sie auch hin“, sagt Wilfried Groos. Schöner werde auch dieser Bau, erwartet Reinhard Quast: „Der Bau- und Liegenschaftsbetrieb des Landes wird mit Sicherheit irgendwann eine Menge Geld in die Hand nehmen.“

Händler bangen um Existenz

Die Mieter im Herrengarten werden demnächst Besuch von der Stadt bekommen. „Wir werden mit allen sprechen“, kündigt Bürgermeister Steffen Mues an. Bevor das Gebäude abgerissen wird, müssen Mietverträge aufgehoben oder ausgelaufen sein — was bis ins nächste Jahrzehnt hinein dauern kann. „Wir werden niemanden bedrängen“, verspricht Mues. Die Stadt könne aber auch auf leer stehende Ladenlokale verweisen, die die Herrengarten-Mieter übernehmen könnten. „Es ist daher gar nicht so schlecht, hier und da Verkaufsflächen zurückzunehmen.“ So sei es auch bereits in der Oberstadt am Ende der Marburger Straße geschehen, wo die Stadt es Eigentümern erlaubt hat, Geschäftsflächen im Erdgeschoss in Wohnflächen umzuwandeln.

Andreas Stein („Blumenreich“) ist einer von den Mietern, die die Neuigkeit am Freitagmorgen ereilt hat. „Ein ziemlicher Hammer“, sagt Stein, „wo sollen wir denn hin? Wir können keine Spitzenmieten bezahlen.“ In den nächsten Tagen wollen sich die sieben Geschäftsbetreiber miteinander verständigen, wie sie auf das absehbare Ende ihrer Zeit im Herrengarten reagieren wollen. „Wir bleiben auf jeden Fall noch ein paar Jahre da“, betont Andreas Stein — und deutet an, dass die Stadt mit ihren neuen Mietern vorerst wenig Freude haben werde: Der Investitionsstau müsse behoben werden, abgerissen werde am Ende ein saniertes Gebäude.

Kundschaft verunsichert

Vier Jahre habe die Neue-Ufer-Baustelle das kleine Einkaufszentrum eingeschnürt, „da mussten wir schon einiges wegstecken“, sagt Andreas Stein. Auch die Kundschaft sei verunsichert worden. Nach dem Übergang von der Eigentümergemeinschaft an die „Bahnhofs-Arkaden“ hätten die Mieter aber davon ausgehen können, dass das Gebäude zwar modernisiert wird, aber erhalten bleibt. Stein äußert auch grundsätzliche Bedenken, ob die Stadt sich die Investition in den Herrengarten leisten soll: „Städtebaulich ist das natürlich wünschenswert.“ Kritisch sieht Stein die Aktivität der Initiative, die sich für die Wiederanlage des Parks stark macht: „Das Aktionsbündnis hat sich zum Sprecher der Bürger gemacht, ohne dass die Bürgerschaft gefragt wurde.

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