Hausnamen erzählen Geschichte(n)

Stadtarchivar Reinhard Gämlich erforscht Hilchenbacher Hausnamen
Stadtarchivar Reinhard Gämlich erforscht Hilchenbacher Hausnamen
Foto: WR

Hilchenbach..  Hausnamen? Die sind so gut wie eine Adresse – wenn man sie kennt. „Fretzes“ zum Beispiel ist das heutige Möbelhaus Bohn an der Müsener Hauptstraße. Weil es einst von dem Leimsieder Johann Friedrich Wurmbach gebaut wurde. „Als Kinder sind wir mit den Hausnamen noch groß geworden“, erinnert sich Hilchenbachs Stadtarchivar Reinhard Gämlich. Als er 1996 den ersten Band seines Hausnamen-Buchs, nämlich den für Alt-Hilchenbach, vorlegte, ahnte er nicht, dass daraus ein Extra-Hobby für noch einmal anderthalb Jahrzehnte werden sollte.

Er hätte es wissen können. Denn schon in den 1980er Jahren hat Gämlich erste Hausnamen-Fingerübungen in seinem Heimatort Allenbach gemacht, die er längst perfektioniert hat: Jetzt ist er, mit seinem vierten und letzten Band über Dahlbruch und Müsen, auf der Zielgeraden.

Dahlbruch und Müsen: 170 Häuser, 2000 Köpfe

Wie ein Detektiv hat er sich, ausgehend von einem einfachen Stadtplan, durch die Geschichten der Häuser gehangelt: Wer hat es gebaut und ihm den Namen gegeben, wer hat dort gewohnt? Kirchenbücher, Volkszählungslisten, Bauakten, Grundsteuer-Mutterrollen und Katasterkarten sind die entscheidenden Hilfsmittel.

Adressen mit Straßennamen und Hausnummern sind moderne Erfindungen, in Dahlbruch erst seit 1927. Vorher wurde einfach durchnummeriert, entsprechend hatte das jüngste Haus im Ort die höchste Zahl. Natürlich standen die Häuser mit aufeinanderfolgenden Nummern nicht nebeneinander, und manchmal wanderte ein Name mit den Bewohnern zu einem Neubau. Wenn das Durcheinander allzu groß wurde, wurde einfach wieder neu nummeriert.

„Ich habe vieles herausgefunden, was ich noch nicht wusste“, berichtet Reinhard Gämlich, „es war nicht immer ganz einfach, aber es hat geklappt. Auf 258 Seiten Manuskript stehen die Geschichten von rund 170 Gebäuden in Dahlbruch und Müsen, jede für sich ein kleines Kapitel Ortsgeschichte und mit über 2000 Namen ihrer Bewohner verknüpft.

Und der Bäcker heißt immer noch „Julles“

Manchmal sind es Details, die nun manche Chronik ergänzen können, manchmal aber auch komplette, bislang unbekannte Episoden wie die um das Haus Kläwe an der Müsener Kirchstraße: Die Gemeinde Müsen kaufte die – 1893 abgebrannte – Haushälfte im Jahr 1860, um dort eine Apotheke einrichten zu lassen. Das Unterfangen scheiterte nach mehreren vergeblichen Anläufen.

In den Dillenburger Intelligenznachrichten von 1790, die der Wilhelmsburg-Förderverein vor einigen Jahren dem Stadtarchiv geschenkt hat, entdeckte Gämlich die Notiz über den hoch verschuldeten Johann Henrich Schantz, der seinen Reckhammer an den Ferndorfer Gewerken Johannes Klein verkaufen musste – der Anfang der heutigen SMS Siemag. Bauakten machen die Entwicklung aus einer ganz anderen Perspektive nachvollziehbar. Baugenehmigungen für Dampfkessel, eine Gasanstalt, einen Pferdestall, eine Eisengießerei, einen Gleisanschluss. 1938 für Luftschutzräume. Und 1942 für ein Lager für 150 russische Kriegsgefangene, das um eine „Wasch- und Entlausungsbaracke“ erweitert wurde.

Platz im Hausnamenbuch findet die neuere Dahlbrucher Ortsgeschichte mit den Häusern an der Weiherstraße, die erst 1969 von Kreuztal nach Hilchenbach eingemeindet wurden und mit der Siedlung „Dahlbrucher Wald“ an Berg- und Waldstraße, die 1921 ebenfalls auf einst Neu-Loher Gemarkung errichtet wurde.

Hausnamen sind Geschichte, Manche tauchen nur noch in Klammern in der Todesanzeige auf. Andere leben. Was Reinhard Gämlich („Roue-Möllersch“) regelmäßig bewusst wird, wenn er zu Hause in Allenbach nebenan beim Bäcker einkauft. Bei „Julles“.

 
 

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