Gipfeltreffen in Sachen Lothar Irle

Einst Lehrerseminar, heute Realschule
Einst Lehrerseminar, heute Realschule
Foto: WR

Hilchenbach.  Wer einen Namen hat in der kleinen Siegerländer Szene der Regionalhistoriker, hält sich an diesem Abend in Hilchenbach auf. Und auch für die, die sich in christlich-jüdischer Zusammenarbeit und für die Verfolgten des Nazi-Regimes engagieren, ist der Ratssaal die richtige Adresse — sozusagen für ein Gipfeltreffen über den Umgang mit Dr. Lothar Irle, dem nach wie vor verehrten Heimat- und Familienkundler, dessen nationalsozialistische und antisemitische Einstellung nie Vergangenheit wurde.

Man tauscht Freundlichkeiten aus zu Beginn. „Hilchenbach war schon früh der Ort, wo man mit brisanten Themen beizeiten offen umgehen konnte“, sagt Prof. Dr. Elkar, der vor seiner Zeit an der Münchner Bundeswehr-Uni oft mit seinen Siegener Studierenden im Stadtarchiv Hilchenbach gearbeitet hat. In anderen Kommunen des Kreises Siegen-Wittgenstein, sei das ein „klein wenig anders“.

„Jüdische Schweinereien“

„Nennen wir ihn einfach I“, schlägt Dr. Elkar zu Beginn seines Vortrags vor: „I“ für den jungen Lothar Irle aus Niedersetzen, der mit 20 Jahren die Ausbildung am Hilchenbacher Lehrerseminar abschloss und danach im preußischen Staatsdienst keine Stelle fand. „I“ für den Lothar Irle, der sich später rühmte, gemeinsam mit seinen Mitseminaristen in den 1920er Jahren dem Städtchen Hilchenbach die „erste Nazi-Zeit“ beschert zu haben. Dem Städtchen, in dem Pfarrer Hermann Müller schon 1931 in die NSDAP eintrat und die Parteifahnen in den Gottesdienst holte.

Nicht Irles Karriere in der Nazi-Zeit stellt der Historiker ins Zentrum. Der Blick konzentriert sich darauf, wie er braunes Denken ungestört in die bundesdeutsche Siegerländer Gegenwart transportieren konnte. Als „Meisterstück politischer Wendungen und Bekenntnisse“ seziert Dr. Elkar die Festrede, die Irle 1961 zur Grissenbacher 650-Jahrfeier hielt: Da wird das „gesunde Leben des Volkes“ in der patriarchalen Familie“ gesehen, das Dorf und der „Stolz gesunder Tradition“ bejubelt, die Großstadt für den „physischen Tod des Volkes“ verantwortlich gemacht. Das klingt nicht viel anders als das, was er keine 30 Jahre zuvor im benachbarten Netphen kundtat: „Wie gerade Pilze auf dem Mist sich wohlfühlten, war jene jüdische Literatur und Kunst, die den Nährboden bildete für jüdische Schweinereien.“ Dieses Zitat ersparte Elkar seinen Zuhörern freilich. „Er distanzierte sich nie, äußerte nie den Hauch einer Selbstkritik.“

„Das macht mich einigermaßen sprachlos“, sagt Dr. Hans Christhard Mahrenholz, Vorsitzender des Hilchenbacher Geschichtsvereins, und erinnert sich daran, wie er selbst 1962, als junger Stadtdirektor, Irle für einen Vortrag beim Verkehrs- und Verschönerungsverein gewann. „Ich bin kein Siegerländer“, sagt Dr. Mahrenholz erklärend. Dr. Elkar ist Franke — es sind die Zugereisten, die den Einheimischen den Spiegel vorhalten.

Wer auch sonst. „Es hat offenbar auch für kritische Bürger keinen Anlass gegeben, sich zu melden“, stellt Dr. Mahrenholz fest. Die Nachrufe auf Irle im Jahr 1974 lesen sich herzlich; der SGV trauert um seinen Bezirksvorsitzender inniger als um seinen Mitbegründer Wilhelm Münker, der dafür gesorgt hatte, dass Hilchenbach 1945 rechtzeitig in die Hände der alliierten Befreier gelangte. „Das wundert mich nicht“, erwidert Dr. Elkar. Das Heimatbild im Siegerland „entsprach ziemlich genau dem, was Irle vertrat“. Kritische Aufarbeitung, sagt er, begann erst in den 1980er Jahren. Und ist längst nicht abgeschlossen.

 
 

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