Gestandene Männer haben geweint

Hans-Dieter Moritz präsentiert Berichte der Westfälischen Rundschau, die über die Besetzung und die Schließung der Eisenerzgrube "Pfannenberger Einigkeit" ausführlich berichtet hatte.
Hans-Dieter Moritz präsentiert Berichte der Westfälischen Rundschau, die über die Besetzung und die Schließung der Eisenerzgrube "Pfannenberger Einigkeit" ausführlich berichtet hatte.
Foto: Uli Geis

Neunkirchen-Salchendorf..  Die letzte Tonne Eisenerz, die heute vor 50 Jahren aus rund 1000 Metern Tiefe aus dem Hindenburgstollen der Grube „Pfannenberger Einigkeit“ ans Tageslicht befördert wurde, war nicht nur mit viel Staub, sondern auch mit unzähligen Tränen garniert.

„Gestandene Männer“, erinnert sich Hans-Dieter Moritz, „haben bitter geweint“. Am 18. April 1962 ging die zweieinhalbtausend Jahre alte Bergbaugeschichte des Siegerlandes in Salchendorf zu Ende.

Hans-Dieter Moritz war der letzte, der den Schacht verließ. „Mit einem Kollegen musste ich unter Tage noch die Sicherungsanlagen für einen zehn Meter hohen Betonpfropfen installieren“, erinnert sich der heute 72-Jährige, dessen Arbeitsplatz als Betriebsschlosser und Mitglied der Grubenrettung eigentlich über Tage lag.

Geröll begrub 2500 Jahre Geschichte

Kaum sah Moritz nach getaner Arbeit wieder das Tageslicht, senkte ein riesiger Kran das Betonmonstrum bis auf 90 Meter ab und die letzten einhundert Meter des Hindenburg-Schachtes wurden mit Schüttmaterial verfüllt. Das Geröll begrub nicht nur 2500 Jahre Bergbau, sondern auch die Lebensplanungen vieler der fast 400 Mitarbeiter der „Pfannenberger Einigkeit“.

„Das war eine harte Zeit“, erinnert sich Moritz. Angekündigt hatte sich das Ende des Bergbaus bereits drei Jahre vorher. Weil das aus großer Tiefe geförderte deutsche Erz mit dem im Tagebau gewonnen schwedischen preislich nicht konkurrieren konnte, hatte im ersten Jahrzehnt nach dem Zweiten Weltkrieg eine Grube nach der anderen dicht gemacht. „Unser Erz war dank seines hohen Mangangehaltes qualitativ sehr gut, aber nicht mehr wirtschaftlich.“

Die „Pfannenberger Einigkeit“ bei Salchendorf war die letzte Bastion des Siegerländer Erzbergbaus. Als es im November des Jahres 1961 auch für sie ernst wurde, besetzten die verzweifelten Mitarbeiter der Erzbergwerk Siegerland AG die Grube.

Kurz vor Weihnachten machten sie mit einem Sitzstreik in mehr als tausend Metern Tiefe auf ihre Situation aufmerksam. „Wir wollten den Blick der Öffentlichkeit auf uns lenken“, erzählt Moritz, der selbst in der Tiefe des Pfannenberges ausgeharrt hatte. Viele Menschen hätten sich mit den Bergleuten solidarisiert. Selbst der damalige SPD-Bundestagsabgeordnete Hermann Schmidt (Würgendorf) sei in den Berg eingefahren und habe ihn und seine Kollegen unterstützt. Moritz: „Er wollte retten, was zu retten ist.“ Ohne Erfolg.

Im März 1962 sickerte durch, dass der Pfannenberg im Mai ‘62 dicht gemacht werden soll, tatsächlich war es sogar schon der 18. April. „Wir hätten selbst nicht geglaubt, dass es so schnell gehen kann.“

Die vermeintliche Wirtschaftskatastrophe erwies sich für den Freien Grund letztlich jedoch als Segen. Ein großes Unternehmen siedelte sich auf dem Grubengelände an. Vor allem die Facharbeiter hätten hier neue und sauberere Jobs gefunden als zuvor unter Tage“, so Moritz.

Aussichtsturm als letztes Relikt vor Ort

„Die meisten Bergleute wurden damals höchstens 50 Jahre alt“, erklärt der spätere Landtagsabgeordnete der SPD. Doch für die Kumpel habe es danach fast nur noch weniger qualifizierte Arbeitsplätze gegeben.

Moritz bedauert, dass heute an die Bergbautradition auf dem Pfannenberg nichts mehr erinnere als der Pfannenberger Aussichtsturm, der aber schon in den 30-er Jahren errichtet worden sei, als Siegerländer Erz noch stark gefragt war.

 
 

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