Gesangskunst in Vollendung

Chanticleer auf der Apollobühne – mit souveräner Ruhe trotz ständiger Positionswechsel
Chanticleer auf der Apollobühne – mit souveräner Ruhe trotz ständiger Positionswechsel
Foto: Knut Lohmann, Siegen

Siegen..  Schon in der vorigen Spielzeit wurde das Ensemble „Chanticleer“ vom Siegener Publikum im Apollo mit Beifallsbekundungen jeder Art überschüttet. Und wenn es überhaupt möglich war, jene Begeisterungsausbrüche noch zu steigern, dann war es beim neuerlichen Auftritt – da waren die Männer noch gar nicht richtig auf der Bühne, als das Juchzen und Pfeifen begann.

Zwölf Männer, die alle Stimmlagen vom hohen Sopran bis zum tiefen Bass repräsentieren. Unsere Zeitung hat damals ausführlich ihre unvergleichliche Gesangstechnik beschrieben: wie sie verhalten und dennoch raumfüllend singen, nahezu drucklos und dabei sehr intensiv; schwierigste Passagen mit scheinbarer Leichtigkeit meisternd – das alles mit einer Choreografie, die sparsam-elegant erscheint und dabei sehr wirkungsvoll ist.

Publikum lauscht atemlos auf jeden Ton

Sie wenden sich nie alle zugleich dem Auditorium zu, sondern scheinen sich gegenseitig mit ihrem Gesang eine Freude machen zu wollen. Und die überträgt sich dann auf die Zuhörer, die atemlos auf jeden Ton lauschen und sich vielleicht wundern, wie lang der Atem der Sänger auf der Bühne ist, wenn sie eine dieser endlosen Kantilenen aus ihrem Repertoire der alten Musik angestimmt haben.

Für die Alten war der Atem Symbol für den Geist; und wer genau hinhörte, konnte vielleicht den fernen Geist dieser in sich kreisenden Kompositionen aus dem 16./17. Jahrhundert hören – so rein wurde er auf dem Atemstrom der Sänger getragen: „Veni, dilecte mi“ (Komm, mein Liebster) und „Sicut lilium inter spinas“ (Wie die Lilie unter den Dornen) – von Sebastián de Vivanco nach Worten des Hohen Liedes: musikalisch vergeistigte Erotik.

Oder die drei Männerchöre von Richard Strauss: „Vor den Türen“, „Traumlicht“, „Fröhlich im Maien“ (1935) – Hochromantik in reinster Form. Das Geflecht der Linien durchhörbar präsentiert, dabei expressiv und kalkuliert zugleich. Musikalische Ausdeutung in Vollendung.

Etwas anders vielleicht die Wiedergabe von Musik unserer Zeit: ein wenig frecher, aber immer lyrisch, wo Lyrik verlangt wird; und immer noch Musik, wo der Ausdruck dem Rhythmus anvertraut wird. Und die Faszination des stimmlichen Wohlklangs, wenn auch einmal die Ironie dominiert wie bei „Illusions“ in „Lotus Lovers“ von Stephen Paulus.

Zum Schluss, wie versprochen, Pop, Edelpop gewissermaßen. Und der bekam dank sängerischer Disziplin und hohem Stilgefühl mit geschmackvoller Delikatesse eine ähnliche Dignität wie die zuvor gehörte Musik auf biblische Metaphern und hochromantische Raffinessen der Tonkunst. Der Unterschied: der Jubel im Publikum wurde noch stärker.

 
 

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