Fünf bunte Tasten für Senioren

Siegen..  Mit Informations- und Kommunikationstechnologie – also Internet und so – wollen viele ältere Menschen nichts zu tun haben. Dabei könnten gerade ihnen, weil sie etwa weniger vor die Tür gehen, die neuen Medien besonders viel nützen. Wenn sie angepasst sind an ihre Bedürfnisse. Und wenn ihnen Berührungsängste genommen werden. Wie das gelingen kann, untersucht Claudia Müller. Sie ist Juniorprofessorin an der Universität Siegen und arbeitet in der Forschungsgruppe „IT für die alternde Gesellschaft“.

Die ist angesiedelt beim Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik und Neue Medien und arbeitet mit eher sozialwissenschaftlichen Methoden. „Wir müssen dicht bei den Nutzern sein“, erklärt Claudia Müller. „Am Anfang der Projekte sind wir quasi Feldforscher.“

Vertrauen aufbauen

Bei einem Projekt zur Computer-unterstützten Autonomieförderung älterer Menschen in einem Netphener Altenheim stand deshalb zu Beginn die Beobachtung: Zeit mit den Menschen verbringen, versuchen, ihren Tagesablauf zu verstehen, Vertrauen aufbauen, Anknüpfungspunkte finden, Interessengebiete erkunden. Dann die Technik mitbringen. Oder, wenn die noch gar nicht existiert, Webseiten aufmalen. Einen Prototyp entwickeln, in Workshops diskutieren, verbessern, ausprobieren.

Das Ergebnis in diesem Fall: ein Großbildschirm im Eingang des Altenheims. Ein Buzzer mit fünf bunten Tasten. Blau für die Tagesschau in 100 Sekunden. Gelb für lokale Nachrichten. Grün für Kurzfilme von Youtube. Und Orange für das Fotoalbum, in das Bilder von Gemeinschaftsveranstaltungen eingestellt werden. „Dieser Bildschirm hat das soziale Miteinander positiv beeinflusst“, sagt Müller. „Die Menschen gehen verstärkt aufeinander zu, es gibt viel mehr Kontakte als früher. Das entlastet auch die Betreuer.“

Der Wissenschaftlerin ist es wichtig, dass der Einsatz von Technik nicht nur älteren Menschen in ihrer eigenen Wohnung dient: „Das ist wichtig, aber die Politik konzentriert sich darauf, und die Heimbewohner werden oft vergessen.“ Ihr Engagement in dieser Sache und ihre Qualifikation für diese Forschung hängt auch mit ihrer persönlichen Geschichte zusammen: Bevor sie 2004 zum Team von Prof. Volker Wulf stieß, hat sie eine Ausbildung zur Krankenschwester gemacht und Kulturwissenschaften studiert. Sie sieht den Einsatz von IT nicht als Ersatz für direkte menschliche Kommunikation, sondern als deren Beförderung.

Das zeigt sich auch bei einem Projekt in Dortmund: In einem Dorstfelder Wohnquartier soll eine Internetplattform die Nachbarschaftshilfe stimulieren. In den 144 Wohnungen der WSG leben nicht nur ältere Menschen. Aber die haben weniger Erfahrung mit der Technik und weniger Computer im Haushalt. Deshalb wurden sie mit Tablets und Smartphones ausgestattet, bekommen Unterstützung per Hilfstelefon und in Workshops, und vor den Mietshäusern werden große Displays aufgestellt.

Begeisterte Skyperinnen

„Das läuft jetzt seit einem Jahr“, sagt Claudia Müller. „Am Anfang wussten viele Leute nicht, was sie mit den Geräten machen sollten, jetzt sind sie in den Alltag integriert.“ Es gibt begeisterte Skyperinnen, einen regen Fotoaustausch und erste Angebote. Aber noch ist das Portal im Aufbau, noch wird daran gearbeitet, junge Leute als Unterstützer oder Techniklotsen zu gewinnen.

Das klingt gut. Aber weil man wohl nicht überall Tablets verteilen kann – was wird davon bleiben, was ist übertragbar? „Was bleibt, ist das Portal und unser Wissen über die Methoden und die Interessen der Betroffenen“, meint die Forscherin. Und der Vorbildcharakter. „Aber klar ist: Ganz ohne Unterstützung wird es nicht gehen.“ Da müsse man auf die Rolle der Wohnungsgesellschaften schauen, die mit Leerständen zu kämpfen hätten. Das Bundesfamilienministerium bewerte die Rolle der Quartiersversorgung hoch, und für einen Transfer nach Köln sei die Kooperation mit einem Nachbarschaftsverein geplant.

Aber arbeitet Claudia Müller nicht mit daran, Menschen durch Technik zu ersetzen? Ist das wünschenswert? Die Frage ist ihr nicht fremd. Aber sie schaut auf die Praxis: „Die Situation ist doch jetzt schon problematisch. Und der Pflegenotstand soll sich ja noch verstärken. Da wäre es doch hilfreich, wenn wir die Pflegenden von allem entlasten könnten, was sie vom direkten Kontakt mit den Menschen abhält.“ Sie meint das durchaus programmatisch: „Die Sozioinformatik will technikgestützte Lösungen für reale soziale Probleme gestalten.“

 

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