Erste Kriegsweihnacht in Siegen

Proben in der Nordschule: Die Schwestern im Vereinslazarett bereiten sich auf das Fest vor.
Proben in der Nordschule: Die Schwestern im Vereinslazarett bereiten sich auf das Fest vor.
Foto: Stadtarchiv (honorarfrei für diesen Zweck)
Der Erste Weltkrieg sollte bis Weihnachten beendet sein. Ist er aber nicht. Man richtet sich mehr schlecht als recht ein – auch in Siegen.

Siegen.  Kuchen ist aus. Schon seit Wochen: Das Brotgetreide ist rationiert. Das kostbar gewordene Mehl darf nicht mehr in hübsch verzierte Süßspeisen gesteckt werden.

Das sorgt nicht zuletzt dafür, dass die Ehefrauen der Offiziere um einen Zeitvertreib ärmer sind. Schließlich treffen sich die Damen aus der besseren Gesellschaft bei Kaffee und Kuchen, um sich die Geschichten ihrer Männer zu erzählen – oder ihre eigenen. Auch in der Weihnachtszeit.

Sparen ist angesagt

Mangel ist ein Symptom der Zeit. Die britische Blockade zeigt Wirkung. Nicht nur Konditoren haben weniger zu tun, auch das Vieh muss darben. „Wer Brotgetreide verfüttert, versündigt sich am Vaterlande und macht sich strafbar“, heißt es in einer Meldung aus der Zeit. Die Professoren für Nationalökonomie an der Uni Berlin – ihre Ratschläge, hoffen sie, werden auch im Siegerland gehört – geben Tipps für sparsames Wirtschaften zu Hause: „Geht ehrerbietig und haushälterisch mit nutzbaren Stoffen um, verwendet sorgsam jeden irgendwie brauchbaren Abfall“, raten sie.

Statt Weizenbrot soll mehr Kriegsbrot auf dem Speiseplan stehen. Es wird aus einem Gemisch von Kartoffelmehl und anderen, billigeren Mehlsorten gebacken. Zudem sollen öfter Kartoffeln auf den Tellern landen.

Die Wirtschaftswissenschaftler raten auch, sich mit „Dauerware“, Wurst und gepökeltes Fleisch, einzudecken – aber „bedächtig und ohne Überstürzung“. Hamsterkäufe kommen im ausgehenden Jahr 1914 durchaus vor. Statt Fett und Butter soll Zucker verwendet werden: Immerhin „ein vorzügliches Nahrungs- und Ersatzmittel“ und „überreichlich vorhanden“.

Ab 1915 wird gar noch strenger rationiert. Pro Person und Woche sind dann nur noch 1,5 Kilo Mehl und 100 Gramm Fett kalkuliert. Es gibt aber auch regionale Unterschiede. In Wetzlar etwa ist das Pfund Butter um bis zu 45 Pfennig billiger als in Siegen. In den Läden rund um den Kornmarkt kostet sie 1,45 Mark. Die Preise werden per Polizeiverordnung festgesetzt.

Kaufen geht auch – noch

So paradox es klingen mag, aber in der Weihnachtszeit ist Fleisch keine Mangelware. Die Blockade lässt keine Futtermittel für Tiere ins Land. Vielen Landwirten bleibt nur, das Vieh zu schlachten. Die Werbeanzeigen in den Zeitungen der Zeit versprechen mehr oder weniger unbeschwerte Weihnachtseinkäufe. Kaufhäuser und Geschäfte öffnen in Teilen bis in den späten Abend und sonntags, etwa Plaut und Daniel am Markt in Siegen oder das Kaufhaus Michel Marx. Schlechter läuft es für die Gebrüder Alsberg an der Siegbrücke. Sie müssen Anzüge und Kleider „wegen des Krieges zu Verlustpreisen“ verkaufen.

Todesanzeigen und Tischdeckchen 

Die Stimmungslage allenthalben ist getragen bis bedrückt. Viele hofften, gingen davon aus, dass der Krieg spätestens bis Weihnachten vorüber sein würde. Ist er aber nicht, er bleibt das bestimmende Thema der Zeit. Neben Annoncen, die handgestickte Tischdeckchen und bedruckte Kissen feilbieten, finden sich – die inzwischen unvermeidlichen – Todesanzeigen: Reservist Karl Bäumer, Unteroffizier Paul Scheel, Gefreiter Reinhard Ginsberg und viele mehr. Die Reichsbank fordert, auch von den Siegerländern, ihr Gold abzuliefern. Es gilt der Goldstandard. Streng genommen muss das Papiergeld, das in Umlauf ist, von einer entsprechenden Menge Gold in den Tresoren der Reichsbank gedeckt sein.

In den Auslagen liegt häufig Kriegsspielzeug. Hölzerne Gewehre für die Kleinen. Modelle bekannter Schlachtschiffe. Das Kaufhaus Michel Marx verkauft „zeitgemäße Handarbeiten mit patriotischen Vorzeichnungen“. Es gibt „Kriegskissen“ mit der Reichskriegsflagge oder dem Schriftzug „Einigkeit macht stark“. Beliebtes Geschenk in den Weihnachtspäckchen, die an die Soldaten geschickt werden: Salem-Aleikum- und Salem-Gold-Zigaretten.

Odol-Mundwasser in der Felddose

Oder Odol-Mundwasser in der „hübschen Metall-Felddose“. Die Fleischerei Carl Weber in der Löhrstraße bietet „haltbare Wurstwaren für Feldpostbriefe“. Hauptmann Kippenberger bittet um warme Unterwäsche und Decken für seine Soldaten aus dem Infanterie-Bataillon Meschede. Gegen die russische Kälte. Im Vereinslazarett am Kaisergarten gibt es eine Weihnachtsfeier: „In den Augen vieler Verwundeter glänzten Tränen“.

Das Metropol-Theater zeigt „Das Volk steht auf – ein Schlachtengemälde aus den Freiheitskriegen 1806-13“ und „Nun wollen wir sie dreschen – ein deutsches Heldenspiel in drei Akten“. Das Rote Kreuz vermeldet Spenden. Zum Beispiel vier Mark von Friedrich Münker aus Dahlbruch. Die Arbeiter der Eiserner Hütte haben gesammelt und geben 33,55 Mark.

Trotzdem sehnt man sich, „bis die Weihnachtsverheißung des Friedens auf Erden zur Wahrheit geworden ist“, wie es in einer Veröffentlichung heißt.

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