Ersatztickets der Bahn: Freie Fahrt für Flüchtlinge?

Unter bestimmten Voraussetzungen dürfen Asylsuchende kostenlos mit der
Unter bestimmten Voraussetzungen dürfen Asylsuchende kostenlos mit der
Foto: imago/Christian Mang
Eine Ausnahmeregelung der Deutschen Bahn zur kostenlosen Beförderung von Asysuchenden birgt erhebliches Konfliktpotenzial.

Siegen..  Es ist ein Dilemma. Sehen Zugbegleiter in Diensten der Deutschen Bahn einem Flüchtling nach, dass er ohne gültigen Fahrausweis unterwegs ist, findet sich garantiert jemand, der Bevorteilung wittert. Nach dem Motto: Warum dürfen die schwarzfahren und ich nicht? Erhebt nun derselbe Zugbegleiter einem Flüchtling, der ohne gültiges Ticket reist, den Fahrpreis nach, handelt er absolut vorschriftsgemäß – sieht sich von anderer Seite aber nicht selten dem Vorwurf ausgesetzt, irgendwo zwischen kleinkariert und unsozial zu handeln.

Fahrgäste solidarisieren sich

Ein angehender Industriekaufmann aus Weidenau etwa berichtete unserer Redaktion am Dienstag von einem Zugbegleiter, der unlängst einer zweiköpfigen, des Deutschen nicht mächtigen Flüchtlingsfamilie im Regionalexpress von Siegen nach Aachen die Weiterfahrt untersagen wollte, weil sie im Besitz nur einer gültigen Fahrkarte war. Das Angebot einer Frau, eine der beide Personen „mit auf ihr Ticket zu nehmen“, habe der Zugbegleiter abgelehnt. Was nebenbei bemerkt korrekt ist: Das kann aus Kulanz geschehen, ist aber laut Beförderungsbedingungen nicht vorgesehen.

Was den Weidenauer aber umso mehr störte: der augenscheinliche Unwille des Zugbegleiters, die Hilfe der anderen Fahrgäste wertzuschätzen. Als diese die erforderlichen 35 Euro sammelten, um das Ticket zu lösen, ließ sich der Kontrolleur zwar darauf ein, soll den Fahrgästen aber vorgeworfen haben, mit ihrem Verhalten Beförderungserschleichung zu bestärken. Tatsächlich hätte die fragliche Person wohl auch kostenlos weiterfahren können.

Denn: Seit September des Vorjahres erlaubt die Deutsche Bahn ihrem Personal, auch Flüchtlingen ohne Fahrkarte – also meist jenen, die noch unregistriert sind und daher nicht im Besitz eines Reisegutscheins – ein Ersatzticket mit Gültigkeit bis zur Erstaufnahmeeinrichtung auszustellen. Das Entgelt übernimmt dann die für den Neuankömmling zuständige Behörde. „Das ist eine Ausnahmeregelung“, bestätigt Dirk Pohlmann, Sprecher der Deutschen Bahn in Nordrhein-Westfalen. Eine Ausnahme, die der massive Zuwanderungsstrom gerade in der zweiten Hälfte des Vorjahres notwendig gemacht habe. Ein im Wortsinn Freifahrtschein sei das selbstredend nicht.

Allein, diese Regelung hat ihre Tücken. Die Feststellung, wer mit einem Ersatzticket weiterreisen darf und wer nicht, liegt nämlich ausschließlich im Ermessen des Bahnpersonals.

Im Normalfall sei leicht erkennbar, wer Flüchtling sei und wer nicht, ließ ein Bahn-Sprecher schon im September verlauten. Im „Normalfall“ heißt, nach Prüfung der persönlichen Unterlagen. Da Asylsuchende aus den verschiedensten Gründen auch gänzlich ohne Papiere nach Deutschland einreisen, sind Konflikte wie der oben beschriebene quasi vorprogrammiert. Sollte sich herausstellen, dass einem Flüchtling zu Unrecht das Ersatzticket verwehrt wurde, kann das Verfahren zur Fahrpreiserhebung nachträglich eingestellt werden, so Pohlmann.

Trittbrettfahrer nicht auszuschließen

Pohlmann vertraut auf die „Erfahrung, die Menschenkenntnis und das Fingerspitzengefühl unserer Mitarbeiter“. Fingerspitzengefühl, das der junge Mann aus Weidenau zur Gänze vermisste. Allerdings kann Pohlmann auch nicht ausschließen, dass „Trittbrettfahrer“ diese Regelung missbrauchen, indem sie sich als Flüchtling ausgeben, um schwarzzufahren: „Dieses Problem ist nicht komplett wegzudiskutieren. Es gibt nun mal solche und solche Menschen.“ Das gilt offenbar gleichermaßen für Passagiere und Bedienstete.

 
 

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