Enthüllungsreporter Wallraff attackiert in Siegen den „Spiegel“

Jens Plaum
Biennale in Siegen: Autor Günter Wallraff las im Apollo-Theater aus seinem Buch "Aus der schönen neuen Welt – Expeditionen ins Landesinnere".
Biennale in Siegen: Autor Günter Wallraff las im Apollo-Theater aus seinem Buch "Aus der schönen neuen Welt – Expeditionen ins Landesinnere".
Foto: Jens Plaum
Der Investigativjournalist Günter Wallraff lenkte im Siegener Apollo-Theater den Blick nicht nur auf Deutschlands miese Arbeitgeber. Er attackierte auch das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, das ihm Anfang der Woche „eine erstaunliche Zusammenarbeit mit Mc Donald’s“ unterstellte.

Siegen. Schwarze Hose, schwarze Jacke, schwarze Tasche. Hinter den Brillengläsern blitzen wache Augen. Augen, die gesehen haben, wie elend Zustände in Obdachlosenunterkünften, wie mies Arbeitsbedingungen in Fabriken und wie erbärmlich Gegebenheiten in Fast-Food-Restaurants sein können.

Natürlich waren Mc Donald’s und Burger King Thema, als Günter Wallraff im Apollo-Theater aus seinem Buch „Aus der schönen neuen Welt – Expeditionen ins Landesinnere“ las. Natürlich kam die Geschichte in der jüngsten Ausgabe des „Spiegel“ um Honorarzahlungen des einen und Enthüllungen über den anderen aufs Tapet.

Natürlich wies Günter Wallraff die Vorwürfe, die die Autoren des Nachrichtenmagazins erheben, zurück. Im Apollo jedoch wurde er zum ersten Mal seit Erscheinen des Artikels deutlich: „Das ist eine ganz üble Kiste“, sagte er. Und plauderte aus dem investigativen Nähkästchen. Bereits vor Jahren seien die Umstände der Tätigkeiten Wallraffs für Mc Donald’s recherchiert worden.

Geld für Betriebsrätin ohne Job

Ein Mitarbeiter habe damals sein Büro ausgeräumt. Er stahl Festplatten, Akten, Dinge von Wert, schilderte der Autor seinem Publikum. Damit sei der Mitarbeiter zur Bild-Zeitung gegangen. Die wollten es nicht: „Denen war das zu schmutzig, das muss man sich mal vorstellen.“ Die nächste Adresse: Der Spiegel. Der Hüter der Moral, wie ihm ein Chefredakteur des Blatts vor Jahren habe weismachen wollen.

Honorar, ja, wurde gezahlt. Es ging in seine Stiftung, sagte er. Weitere 5000 Euro für ein Schulungsvideo, das nie gesendet wurde – „ich war ironisch, satirisch, provokant“ – gingen an eine Betriebsrätin. Die Mutter hatte ihren Job verloren, nachdem sie die Arbeitsbedingungen in einer Großbäckerei kritisiert hatte.

„Da ist nichts Anrüchiges dabei.“ Einen Zusammenhang zwischen den Ereignissen aus 2010 und seiner Arbeit an der Burger-King-Geschichte wies er mit aller Entschiedenheit zurück.

Arbeit bei RTL unkomplizierter als bei ARD und ZDF

Überrascht zeigte sich der Kölner Autor indes vom Erfolg seiner Fernsehsendung „Team Wallraff“. Drei Folgen strahlte RTL aus, immer montags. Jedes Mal sahen rund vier Millionen Menschen zu, wenn der Enthüllungsjournalist und seine Kollegen recherchierten.

Eine „neue soziale Welle“, wie er sagte, schwappt durch die Wohnzimmer, wenn er von schikanierten und schlecht bezahlten Beschäftigten berichtet. „Die Verblödungsformate haben so langsam ausgejuxt.“ Auch bei den Privaten. „RTL gucke ich eigentlich nicht“. Trotzdem: Bei RTL sei das Arbeiten „nicht so kompliziert wie bei den Öffentlich-Rechtlichen“.

Eine Fortsetzung der Undercover-Reihe soll es geben. Aber nicht mehr drei Sendungen in drei Wochen. „Das schaffe ich nicht.“ Für den Anfang, den Auftakt sei diese Intensität sicher hilfreich gewesen. Aber auf Dauer würde der Autor das nicht durchhalten: „Ich ertrinke im Elend.“