Ein Zeichen gegen den Völkermord

Rolf Hansmann
Unzählige Jesiden sind derzeit im Nordirak auf der Flucht vor den Extremisten der Terrorgruppe „Islamischer Staat“.
Unzählige Jesiden sind derzeit im Nordirak auf der Flucht vor den Extremisten der Terrorgruppe „Islamischer Staat“.
Foto: Getty Images
Die Bilder der Flüchtlingsströme im Nordirak, die seit Tagen in den Nachrichtensendungen gezeigt werden, schockieren. „Die Situation ist noch viel schlimmer, als es im Fernsehen dargestellt wird“, sagt Ziyad Yousef von der Vereinigung der Jesiden in Siegen. „Die Medien zeigen nur fünf bis zehn Prozent der wirklichen Lage.“ Die Vereinigung der Jesiden hat für Sonntag, 17. August, eine Demonstration in der Siegener Innenstadt angemeldet.

Siegen.  Die Bilder der Flüchtlingsströme im Nordirak, die seit Tagen in den Nachrichtensendungen gezeigt werden, schockieren. „Die Situation ist noch viel schlimmer, als es im Fernsehen dargestellt wird“, sagt Ziyad Yousef von der Vereinigung der Jesiden in Siegen. „Die Medien zeigen nur fünf bis zehn Prozent der wirklichen Lage.“ Die Vereinigung der Jesiden hat für diesen Sonntag Nachmittag eine Demonstration in der Siegener Innenstadt angemeldet. „Wir müssen die Menschen auf den Völkermord an Christen, Aleviten, Jesiden und anderen religiösen Minderheiten im Irak aufmerksam machen.“

Der Polizei in Siegen ist es selbstverständlich nicht entgangen, dass es unlängst in Herford zu gewalttätigen Übergriffen von radikalen Islamisten auf Jesiden gekommen ist. „Aus dieser Kenntnis resultieren unsere Vorbereitungen für den Sonntag“, sagt Georg Baum von der Kreispolizei. „Beamte der Bereitschaftspolizei werden unsere Kräfte unterstützen.“

Schulterschluss aller Völker

Ziyad Yousef hofft auf einen „Schulterschluss aller Völker und Glaubensrichtungen“ gegen den Vormarsch der Milizen der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) im Irak. Die Extremisten verfolgten die Jesiden als „Ungläubige, die das Böse anbeten würden“. Dabei gebe es „das Böse bei uns gar nicht.“

Der 29-Jährige und andere Mitglieder der Siegener Vereinigung – im Sauer- und Siegerland sollen etwa 250 Jesiden leben – informieren sich durch Telefonate mit Angehörigen oder beim Studium entsprechender Internetseiten über die Zustände in der Heimat. Es sind reine Horrornachrichten, z.B. aus dem Sindschar-Gebirge im Nordirak. Dort, wo nicht – wie berichtet – 1000 Flüchtlinge schutzlos der Hitze ausgeliefert seien, sondern über 10 000, stellt Yousef klar. Ein Neugeborenes sei bei Temperaturen um 50 Grad gestorben. Seine Leiche wurde mit Steinen bedeckt. „Die Angehörigen hatten keine Schaufel, um es zu begraben.“

Die Flüchtlinge in der vermeintlichen Sicherheit des Berggebietes sind im Schockzustand. „Wenn sie dort bleiben, droht ihnen, zu verhungern oder zu verdursten. Wenn sie den Berg verlassen, laufen sie den IS-Terroristen in die Arme und damit in den Tod.“ Yousef spricht von Massakrierungen von Männern, die nicht konvertieren wollen, von verschleppten Frauen, die auf Basaren verkauft werden, von getöteten Kindern.

Die Situation der Menschen sei nicht nur auf dem Sindschar-Berg katastrophal, sagt Yousef. „Massenströme gehen auch vom Irak nach Syrien.“ Der Jeside aus dem Siegerland fordert Hilfe der internationalen Staatengemeinschaft – in humanitärer (z.B. Hilfsflüge mit Lebensmitteln und Medikamenten, damit Flüchtlinge nicht an Unterversorgung sterben) und militärischer Hinsicht (damit die IS-Milizen nicht noch weiter vorrücken können). Soll Deutschland Waffen in die Krisenregion liefern? „Ja“, sagt Yousef. „Auch Deutschland muss schneller und härter gegen den Völkermord vorgehen.“

Er könne jeden Bundesbürger verstehen, der Bedenken hat, weil Waffen in die falschen Hände gelangen könnten. „Doch wenn man nicht militärisch gegen die IS-Truppen vorgeht, würden ganze Gebiete eingenommen, und es gäbe viel mehr Tote.“

Michele Schulte, Landesvorstandsmitglied der Union für Vielfalt der CDU in NRW, wünscht sich auch in Hinblick auf die Demonstration am Sonntag in Siegen „ein breites Bündnis aller Deutscher unabhängig ihrer Konfession und ihrer ursprünglichen Herkunft“ gegen den Genozid von Christen und Jesiden im Nordirak - „insbesondere erwarte ich von der katholischen und evangelischen Kirche in Deutschland und den islamischen Funktionsträgern wesentlich mehr öffentlichen Protest und eine stärkere Solidarisierung untereinander.“