„Ein gutes Gefühl, ihnen zu helfen“

Ilka Wiese

Burbach.  Die neunköpfige Familie aus Syrien, der Großunternehmer aus dem Iran, andere kommen aus Eritrea, Pakistan, dem Kosovo. Die Flüchtlinge in Burbach stammen aus allen Regionen der Welt, in denen Bleiben keine Alternative ist. Jeder von ihnen hat seine Geschichte, auf Deutsch könnte sie keiner erzählen. Deshalb sprechen die meisten der zwölf angestellten Sozialbetreuer eine andere Muttersprache als deutsch. Viele waren selbst Flüchtlinge. So wie Amir Aarabi, 19 Jahre, Wollmütze, Kapuzenpulli, breites Grinsen, perfektes Deutsch.

Bürokratendeutsch

Er kennt das alles. Die fragenden Blicke, die Neugier, die fremden Sprachen. Aber auch das Gefühl, ohne Freunde in einem eiskalten Land gelandet zu sein. Als Fünfjähriger floh er an der Hand seiner Mama aus dem Iran. Das Flugzeug flog ihn 1999 in Sicherheit. „Eine Swiss-Air-Maschine“, daran erinnert er sich genau. Seinen Papa hatte er zu dem Zeitpunkt viereinhalb Jahre nicht gesehen. Weil sein Vater die Arbeit beim Geheimdienst quittierte, musst er Ende der 90er fliehen. „Sie hätten ihn sonst erschossen. Oder erhängt“, sagt Aarabi. So blieb der Familie nur die Stimme des aneren am Telefon. Vom Containerheim in Weidenau zog die Familie Ende 2000 in die erste Wohnung. Angekommen.

Davon sind die Menschen in Burbach weit entfernt. Vor ihnen liegen viele Kilometer, Interviews mit den Behörden, Stempel auf Anträgen... „Transfer“ ist deshalb eins der ersten Wörter, die die Bewohner lernen. Ein Stück Bürokratendeutsch, das Hoffnung in sich birgt. Denn Transfer heißt, dass es weiter geht. Ein weiterer Schritt auf dem Weg zur endgültigen Bleibe und zum Asyl. In der Burbacher Notunterkunft bleiben die Menschen nur wenige Tage. Eben bis zum Transfer. Und da geht es der Reihe nach. Drängeln hilft nicht. Alle werden gleich behandelt, damit es keine Unruhe gibt.

„Ich war in der gleichen Lage wie die Menschen hier“, sagt der 19-Jährige. „Ein gutes Gefühl, ihnen zu helfen.“ Persisch, Deutsch, Englisch, Französisch, die Menschen aus Tadschikistan versteht er, in den vergangenen Wochen sind ein paar Brocken Serbisch hinzugekommen. Wortfetzen werden zu vollständigen Sätzen. Bei ihm geht das schnell. „Ich bin ein Sprachtalent.“

Die Schicht beginnt um 6 Uhr. Dann drückt er den Bewohnern, für die es weiter geht, Lunchpakete in die Hände, kontrolliert die Listen, hilft beim Frühstück, beim Aufräumen, verteilt die verschriebenen Medikamente, vereinbart Termine im Krankenhaus. Viel Verwaltung und jede Menge Menschlichkeit.

„Viele fragen, wie sie helfen können“, erzählt Amir Aarabi. So verteilt er kleinere Hausmeisterjobs oder Zangen zum Müllsammeln. Dafür gibt es auch einen gesetzlich festgelegten Lohn, der so gering ist, dass ihn der Leiter der Einrichtung nicht in der Zeitung lesen möchte.

Anfangs fragte Amir Aarabi die Leute aus dem Iran immer noch nach ihrer Geschichte: „Warum bist du hier?“ Er wollte verstehen, warum man freiwillig alles aufgibt. Ein Unternehmer aus dem Iran sagte: „Weil ich hier meine politische Meinung sagen darf.“

Dem Iraner gehörte eine große bekannte Firma. Alles andere als arm also. Amir Aarabi hörte Geschichten von Schleppern und tragische Schicksale. „Das nimmt mich schon mit“, gibt er zu. Auch weil man die Menschen nur so kurz kennenlerne. Jetzt fragt er nicht mehr. Aber wenn die Menschen von allein erzählen, hört er zu. Denn das hätte er sich damals auch gewünscht. Als Fünfjähriger in dem eiskalten Land.