Ein Gipfeltreffen in Sachen Katharina Diez

Von Steffen Schwab
Diskussion über Katharina Diez
Diskussion über Katharina Diez
Foto: WP

Netphen.  „Wer war Katharina Diez?“ Das war die unverfängliche Frage, mit der das Kulturforum ins Feuerwehrhaus am Petersplatz eingeladen hatte. Bürgermeister Paul Wagener war es, der der Veranstaltung zum 130. Todestag der Netphener Dichterin einen ganz eigenen Akzent verlieh: „Was wäre aus ihr geworden, wenn sie ein Mann gewesen wäre?“

„Die Gebrüder Grimm sind ja in aller Munde“, überlegte die Theaterpädagogin Beate Gräbener, die sich seit einiger Zeit mit der Frage befasst, ob und wie Arbeiten von Katharina Diez auf die Bühne gebracht werden könnten. Fakt ist, dass die Verfasserin unzähliger Märchen und Gedichte und einer Vielzahl von Schauspielen und Biografien nicht berühmt geworden ist.

Nicht ohne Spannung

Erst recht nicht im eigenen Land: „Sie fühlte sich eigentlich fehl am Platz in Netphen“, weiß Diez-Forscherin und Kulturforums-Vorsitzende Dr. Ingeborg Längsfeld – vor allem, nachdem sie immerhin 40 Jahre ihres Lebens in den Großstädten Düsseldorf und Berlin verbracht hatte und erst im Alter wieder an ihren Geburtsort zurückgekehrt war. „Eigentlich war sie auch lieber im Wald als unter Menschen.“

Die Versammlung hatte etwas von einem Gipfeltreffen: Denn zum ersten Mal saßen beide Organisationen, die das Diez-Erbe auf eine ganz eigene Art pflegen, gemeinsam am Tisch. Zwischen den Heimatforscher Heinz Stötzel, der sich im Heimatverein Netpherland engagiert, und die Literaturwissenschaftlerin hatte die Regie sinnigerweise den Friedenspädagogen Bernhard Nolz gesetzt. Der stellte die Bedeutung der Dichterin und deren Vision von einem „glücklichen Leben in Gemeinschaft mit anderen“ für die Gegenwart heraus.

„So war das nicht geplant.“ Heinz Stötzel fühlte sich nach drei Vorträgen spürbar unwohl auf dem Podium, nachdem weder er noch irgendein Gast aus dem Publikum zu Wort gekommen war: „Ich dachte, wir wollten ein Gespräch führen.“ Die Stimmung wurde so gespannt, wie sie zwischen den beiden Vereinen seit langem ist. „Die nächste Einladung sollte vom Heimatverein kommen“, übernahm schließlich Bürgermeister Wagener die Rolle des diplomatischen Vermittlers, „dann kommt vom Kulturforum nur einer auf die Bühne.“

Der Abend wurde dann doch noch irgendwie gerettet mit weiteren Annäherungen an die Diezens, zu denen Stötzel Schilderungen des gutbürgerlichen Elternhauses („Die Familie hatte etwas mehr Geld als die normale Bevölkerung“), vor allem aber der tiefen Frömmigkeit der Dichterin beisteuerte.

Die neue Annäherung der Stadt an ihre dichtenden Töchter erfolgt aus unterschiedlichen Distanzen. Mit Diez-Märchenspielen für Kinder, sagte ein angehender Grundschullehrer, „würde die Siegerländer Kultur auch in der Grundschule wieder aufleben.“ „Ich musste erst einmal schlucken“, kommentierte Beate Gräbener ihre erste Begegnung mit der Diez-Sprache. Dazwischen liegen Welten. Und die Annahme des Bürgermeisters, Katharina Diez hätte den Literatur-Nobelpreis bekommen können. Wenn sie ein Mann gewesen wäre. Und wenn es den Preis zu ihren Lebzeiten schon gegeben hätte.