Ehrung mit Problemen in Siegen

Jens Plaum
Die Lothar-Irle-Straße in Kaan-Marienborn.
Die Lothar-Irle-Straße in Kaan-Marienborn.
Foto: Jens Plaum
Noch immer tragen einige Straßenschilder in Siegen die Namen umstrittener Persönlichkeiten. Unter ihnen: Lothar Irle, Otto Krasa, Jakob Henrich und Adolf Stoecker.

Siegen.  Überzeugte Nationalisten und Antisemiten waren unter ihnen, andere hingen kruden völkischen Ideen nach, wiederum andere waren als Feinde der Demokratie oder schlicht Mitläufer.

Ihnen allen gemein ist, dass sie auf Siegener Straßenschildern geehrt werden. Vier regionale Beispiele: Lothar Irle gilt als einer der zweifelhaftesten Namenspatronen. Die Lothar-Irle-Straße in Kaan-Marienborn hat ihren Namen noch gar nicht allzu lange. Erst 1975, nach der kommunalen Neugliederung, wurde aus der Talstraße die Lothar-Irle-Straße. Das wirft ein bezeichnendes Licht darauf, wie es dem als Heimatforscher Verehrten gelang, nationalsozialistisches Gedankengut mitzunehmen in die zweite deutsche Demokratie. Das belegen nicht zuletzt die Forschungen von Historiker Professor Dr. Rainer S. Elkar.

Zwar falsch geschrieben, dennoch ist der historische Bezug klar. Die Stöckerstraße ist nach dem Politiker und Theologen Adolf Stoecker benannt. Historiker bezeichnen ihn als einen Wegbereiter des Antisemitismus. Seine antijüdischen Ausfälle gingen gar soweit, dass Kaiser Wilhelm II. ihn aus seinem Dienst als Hofprediger entließ. Sein Wahlkreis ehrte ihn unter anderem 1931 mit der Stöckerstraße auf dem Rosterberg. Bereits vor Jahrzehnten bemühte sich die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, den Namen aus dem Siegener Straßenverzeichnis zu verbannen. Vergeblich, erläuterte Traute Fries, SPD-Stadtverordnete.

Bergfriederstraße

Jakob Henrich kannten viele Siegerländer unter seinem Dichternamen Bergfrieder, heißt es in einer Ausstellung, die die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes-Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) unter anderem an der Uni zeigte. Er war Nationalist und Antisemit. Die Bergfriederstraße hieß bis Oktober Heuperstraße – bis zur Erschließung eines neuen Baugebiets.

Archäologe Manuel Zeiler beleuchtet Otto Krasa in seinem Aufsatz „Heimatforscher in der Pionierphase der prähistorischen Archäologie“. „Die Mitgliedschaft des Lehrers in NS-Organisationen ist unzweifelhaft“, heißt es, „jedoch ist bemerkenswert festzustellen, dass Krasa im Rahmen seiner Heimatforschung tatsächlich kein ,engagierter Nationalsozialist’ war“.

Interfraktioneller Arbeitskreis

Ein interfraktioneller Arbeitskreis, der sich auf die Spur wenig schmeichelhafter Straßennamen für die Stadt machen sollte, stellte seine Arbeit 2009 ein. „Das hatte wohl mit der Kommunalwahl zu tun“, vermutete Raimund Klauser, damals Mitglied und heute noch für die Grünen im Kulturausschuss. „Im Moment herrscht Ruhe.“

Möglicherweise ist eine Änderung von Straßennamen eine Frage des Zeitpunkts, sagte auch Torsten Thomas, VVN-BdA, im Gespräch mit dieser Zeitung. Unmittelbar vor Kommunalwahlen sei mit keinem Ergebnis zu rechnen, vermutete er. Allerdings ist er sich sicher, es gibt keinen falschen Zeitpunkt. Eine Alternative, die ebenfalls diskutiert wird, sind Hinweistafeln. Sie sollen unmittelbar unter dem Straßenschild Leben und Wirken der Namensgeber erläutern.