Die Zukunft hat ihre Büros am Ufer der Sieg

Nichts ohne App: Uwe Latsch (rechts) erklärt den SPD-Ratsmitgliedern, wie Car- (und Scooter-)Sharing mit Smartphone funktioniert.
Nichts ohne App: Uwe Latsch (rechts) erklärt den SPD-Ratsmitgliedern, wie Car- (und Scooter-)Sharing mit Smartphone funktioniert.
Foto: WP
  • Invers aus Dreis-Tiefenbach entwickelt App für Carsharing
  • Seit 1997 treibt das Unternehmen die Idee vom Autoteilen voran
  • Mittlerweile nutzen zwei Millionen Menschen in 45 Ländern die Software

Dreis-Tiefenbach..  Hätte es die Privatisierung der Post nicht gegeben, wäre der große Gebäudekomplex in den Siegwiesen immer noch Fernmeldeamt. Die Behörde gibt es nicht mehr. Das Haus, groß genug für 1200 Arbeitsplätze, verwandelt sich in eine Adresse für Unternehmer des digitalen Zeitalters.

Eines von ihnen heißt Invers — was einerseits so etwas wie „umgekehrt“ heißt, andererseits aber die Abkürzung für „Innovative Verkehrs-Telematik-Systeme“ ist. Ein umständlicher Name. Doch für das, was seine rund 70 Mitarbeiter heute machen, gab es 1993 noch gar keinen griffigen Namen. „Noch nicht mal richtiges Internet“, erinnert sich Uwe Latsch. Damals, 1993. Als er für den Einbau eines wohl ziemlich klobigen Bordcomputers gleich das ganze Handschuhfach eines fabrikneuen Toyota Corolla zersägte. SPD-Fraktionschef Manfred Heinz und seine Fraktionskollegen hören bei ihrem Besuch eine ziemlich fantastische Geschichte. Sie beginnt mit einem Fehlschlag und endet mit einem Irrtum.

Der Fehlschlag

Uwe Latsch, der promovierte Elektroingenieur, war wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni. „Eigentlich bin ich jeden Tag mit dem Fahrrad dahingefahren.“ Es waren graue Dauerregenwochen im November, die ihn und seine Kollegen auf den Gedanken brachten, „dass man eigentlich hin und wieder doch ein Auto braucht“. Eins, das man sich mit anderen teilt. Dazu kommt es nie. So weit der Fehlschlag. Stattdessen denken sich die Tüftler ein System aus, wie Carsharing funktionieren kann, ohne dass Autoschlüssel durch die Gegend wandern.

Der Start

1997 gründet Uwe Latsch eine GmbH, um weiter an der Software fürs Carsharing zu arbeiten. Der Deutsche Gründerfonds zeichnet das junge Unternehmen aus, Siegerländer Familienunternehmer fördern den Entwickler. „Die haben daran geglaubt“, sagt Latsch. „Die beste Förderung war, dass ich die Entwicklung an der Uni machen konnte.“ Da ist der Raum, das Material. Und da sind die kreativen Köpfe. Die Verbindung hält. Auf dem ganzen Weg, der erst ins Gewerbegebiet nach Birlenbach führt, vorbei am Technologiezentrum, und dann nach Dreis-Tiefenbach, ins kommunikationstechnisch naturgemäß hochgerüstete Telekom-Gebäude. Viele Software-Entwickler, die heute bei Invers arbeiten, haben auf dem Haardter Berg studiert. „Wenn die Uni nicht wäre, wären wir gar nicht hier.“ Vielleicht, so mag sich Bürgermeister Paul Wagener bei diesem Vortrag denken, wäre Latsch heute im Science Campus gelandet, den die Uni auf dem Haardter Berg plant — ein High-Tech-Gewerbegebiet, von dem Wagener gern einen Teil abbekommen würde. Da wäre noch Platz in Dreis-Tiefenbach.

Die Gegenwart

Carsharing mit einer App – die „CloudBoxx“ ist das aktuelle Produkt aus der Dreis-Tiefenbacher Software-Schmiede. Alles, was zu buchen oder abzusichern ist, regelt der Kunde mit seinem Smartphone. 45 000 Autos in der ganzen Welt – und bald auch schon die ersten Motorscooter – sind mit einem System von Invers ausgestattet, zwei Millionen Nutzer in 45 Ländern von Dubai bis Rumänien stehen dahinter. Alles, was Rang und Namen hat, bei den Fahrzeugvermietern und bei den großen Firmen mit eigenen Dienstfahrzeugflotten, steht in der Referenzliste des Weltmarktführers. Dazu kommt eine Adresse in Vancouver. Da ist der aus Weidenau stammende Rudi Six mit 15 Mitarbeitern Botschafter von Invers in der neuen Welt. Er ist einer der Studenten aus dem Team von 1993. Und was kommt noch? „Wir bleiben nicht, wo wir sind“, sagt Uwe Latsch. Die Schwesterfirma LapID ist 2006 in die kleine Holding mit dem Namen „Fleet Technology“ dazugekommen: Software für die elektronische Führerscheinkontrolle. „Wenn viele Leute ein Problem haben, finden wir eine Lösung für sie.“ Einer ist eigenes dafür eingestellt, solche Leute mit Problemen zu finden. Er ist „Entrepreneur in residence“.

Die Vision

Das Siegerland ist Carsharing-Diaspora. Weil man da, wo man nicht richtig Fahrrad fahren kann und der Bus meist nur gelegentlich kommt, mit einem geteilten Auto nichts anfangen kann. Das wird anders, wenn Autos automatisch fahren, Taxis und Busse zugleich ersetzen — und das Mobilitätsproblem lösen. „Damit wird auch der ländliche Raum wieder attraktiver.“ Auch Unternehmen wie Invers müssen dann nicht mehr mit dem Büro in Köln oder dem Home Office werben, um Mitarbeiter zu gewinnen. „Region Siegen/Köln“ schreiben sie in die Stellenanzeigen. „Damit sich überhaupt jemand bewirbt.“ Nach Köln ziehen und dann pendeln — so sieht der Kompromiss aus, auf den sich Bewerber aus Berlin oder München am ehesten einlassen. In so einer Welt haben Menschen ohne Smartphone wohl keinen Platz, kommt eine leise Nachfrage. „Mein Opa hat gesagt, er braucht kein Telefon“, antwortet Uwe Latsch, „wer das Smartphone nicht benutzt, ist so out wie mein Opa ohne Telefon.“

Der Irrtum

Und Netphen, fragen die Kommunalpolitiker, die auch von der städtischen Wirtschaftsförderin Marle Krippendorf begleitet werden. Ja, die neuen Ufer der Sieg, antwortet Uwe Latsch. Wenn man da sitzen könnte, würde Invers eine Bank stiften. Manfred Heinz berichtet von den Plänen, den Gestank aus dem Klärwerk gegenüber zu vertreiben. Uwe Latsch ist ehrlich. Bei der Standortentscheidung spielte Netphen keine Rolle. „Damals hatte ich gar nicht mitgekriegt, dass das nicht mehr Siegen ist.“

Aus dem Fernmeldeamt entwickelt sich eine neue gute Adresse

In den 1980er Jahren gelang es der Stadt Netphen, die Deutsche Bundespost abzuwerben. 1990 fiel die Entscheidung für den Bau des Fernmeldeamts in Dreis-Tiefenbach, 1995 war es so weit: Die Telekom, so hieß sie inzwischen, zog von der Koblenzer Straße in Siegen in die Untere Industriestraße 20 nach Netphen. Lange währte die Freude der Stadt über den neuen Gewerbezahler nicht.

2000 erfolgte der erste große Umbau: Auf drei Etagen zog T-Online mit seinem Callcenter ein — und verabschiedete sich bald wieder. Sykes Enterprises übernahmen und gaben den Standort 2004 auf. Die Flure leerten sich. Und zwar in einem Ausmaß, dass die FDP-Kreistagsfraktion das Gebäude 2006 für groß genug hielt, darin die gesamte Kreisverwaltung unterzubringen. Der Kreistag entschied sich, lieber das Kreishaus in Siegen zu sanieren.

Nach und nach kam neues Leben in die Flure. 2009 schon präsentierte die Stadt den Philips-Nachfolger Varial und desen Ausgründung SYS-Line, Stöcklin-Logistik und das Ingenieurbüro Schrag als neue Mieter. Danach kam Invers, das im vorigen Jahr noch einen vierten Flur dazumietete. Und schließlich der Landesbetrieb Straßenbau auf zwei Etagen, wie damals die Post aus der Koblenzer Straße, wo Straßen NRW das „Schimmelhochhaus“ räumen musste.

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