Die SPD macht sich museumsreif

Steffen Schwab
Reinhard Gämlich, Katrin Fey
Reinhard Gämlich, Katrin Fey
Foto: WP

Hilchenbach.  Am 15. März 1920 kam die Revolution nach Hilchenbach. So ein bisschen jedenfalls: Der Bericht in der Hilchenbacher Zeitung über die Versammlung im Deutschen Hof, die der Schlosser Albert Menn angemeldet hatte, ist das älteste Dokument, das bisher über den Hilchenbacher SPD-Ortsverein bekannt ist. Über Revolution, Gegenrevolution und Militärdiktatur stritten die Sozialdemokraten dort mit den Deutschnationalen, die offenbar ebenfalls zahlreich im Saal vertreten waren.

„Mein Ehrgeiz war es eigentlich, das Gründungsdatum zu finden“, sagt Stadtarchivar Reinhard Gämlich. Er hat Katrin Fey unterstützt, die die Hilchenbacher Geschichte ihrer Partei ausstellungsreif gemacht hat — ab Donnerstag ist der Beitrag des Ortsvereins über „150 Jahre SPD“ im Dachgeschoss der Wilhelmsburg zu besichtigen: ganze Generationen von Parteibüchern und Wahlprogrammen, Schätze wie die Flagge des Reichsbanners, Kuriositäten wie der vom früheren Ministerpräsidenten Heinz Kühn signierte Pappteller, Fotografien wie die des späteren Bundeskanzlers Willy Brandt, der 1960 Grund besuchte.

Katrin Fey, die stellvertretende Ortsvereinsvorsitzende und Wahl-Hilchenbacherin seit 2006, entdeckte jede Menge Geschichte: die mit der Kampagne gegen militärische Tiefflieger, die 1989 vom Fall der Mauer überholt wurde. Die über das Wacholderstübchen in der Rothenberger Straße, deren Wirt Otto Solms irgendwann 1948 keine Lust mehr hatte, sonntags schon am Morgen für die regelmäßige Parteiversammlung aufzusperren.

Funde von Hilchenbacher Speichern

Und Geschichten von Menschen: Paul Roth zum Beispiel, schon über 85 Jahre alt und nun in Hilchenbachs Partnergemeinde Arendsee zu Hause — zwei Jahrzehnte lag war er von 1979 bis 1999 Bürgermeister. Oder Albert Menn, der 1920 die Versammlung der wohl noch kaum bekannte Partei, von der Hilchenbacher Zeitung falsch „S.D.P“ abgekürzt, anmeldete — 1945 wurde er erstmals Amtsbürgermeister. „Es wäre schön, wenn das alles zusammenbleiben könnte“, freut sich Katrin Fey über die Sammlung von Exponaten, zu der auch viele Funde von Hilchenbacher Speichern beigetragen haben.

Bekanntmachungen wie die, dass das Reichsbanner den „Saalschutz“ bei der Kundgebung der Friedensgesellschaft am 31. März 1930 stellt, weisen auf unruhige Zeiten hin. Bald darauf öffnet sich die große Lücke im Parteiarchiv, die nur der Stadtarchivar schließen kann. „Maßnahmen gegen die SPD“ heißt die Akte, die Reinhard Gämlich ausgepackt hat. Er enthält eine Quittung über den „Empfang einer von der SPD Müsen beschlagnahmte Fahnenstange mit Tragegurt“. Die Gegenstände, so heißt es weiter in der Notiz von 7. Oktober 1935, „wurden der NSDAP, Ortsgruppe Müsen, zur Verfügung gestellt“.

Der lange Arm der Staatspolizei

Es kommt viel schlimmer. „Der lange Arm hat bis hierhin gereicht“, erkennt Karin Fey aus der Sammlung von Anordnungen der Staatspolizei. „Mir macht das Gänsehaut“, gesteht sie und denkt mit Bewunderung an die Vorfahren der heutigen Genossen: „Wie mutig diese Männer und Frauen waren.“

Irgendwann in den nächsten Jahren wird auch der Hilchenbacher SPD-Ortsverein Jubiläum feiern können. Vermutlich das 100-Jährige, wenn Stadtarchivar Gämlich weiter erfolgreich sucht. 1901 jedenfalls gab es die SPD noch nicht. Das hat Bürgermeister Kocher in einem Vermerk für den Landrat am 6. April aktenkundig gemacht: „Im Stadtbezirk Hilchenbach befinden sich weder Sozialdemokraten noch Anarchisten.“