Die Bandbreite des fotografischen Blicks

Thomas Kellner richtet im Siegener Kunstsommer 2013 wieder die Ausstellung Photographers Network aus. 18 Arbeiten von Künstlern aus aller Welt sind wieder dabei: Eine sechsköpfige Jury traf die Auswahl
Thomas Kellner richtet im Siegener Kunstsommer 2013 wieder die Ausstellung Photographers Network aus. 18 Arbeiten von Künstlern aus aller Welt sind wieder dabei: Eine sechsköpfige Jury traf die Auswahl
Foto: WP
Je breiter ein Spektrum ist, um so größer kann die Versuchung sein, es durch eine riesige Zahl von Beispielen zu illustrieren. Fotokünstler Thomas Kellner zieht für sein Projekt „photographers:network“ eine komprimierte Form vor.

Siegen..  Die mittlerweile zehnte Ausstellung, die „selection 2013“, vereint unter dem Titel „Traces“ (Spuren) Arbeiten von 18 Kolleginnen und Kollegen aus sieben Ländern von drei Kontinenten. „Es geht um die Bandbreite dessen, was Fotografie ist“, sagt Kellner.

Als Initiator und Kurator zeigt er bei der Präsentation in seinem Atelier an der Friedrichstraße 42 auch im zehnten Jahr Vielfalt ohne zu überfrachten – einen verdichteten Überblick. Ende des vergangenen Jahres schrieb er rund 1000 ihm persönlich bekannte Kollegen aus aller Welt an – die Mitglieder seines eignen Fotografen-Netzwerks – und lud sie zur Teilnahme an der Ausstellung ein. Etwa 100 Bewerbungen gingen ein.

Unterschiedliche Bildsprachen

„Die Arbeiten stammen aus ganz unterschiedlichen kulturellen Kontexten“, sagt Kellner. Seine internationalen Verbindungen beschränke er bewusst nicht auf die Kunstszene der westlichen Welt, sondern knüpfe und unterhalte Kontakte auch nach Südamerika und in den fernen Osten. Natürlich gebe es „größere Knotenpunkte und kleinere“: In Afrika und Russland beispielsweise würden die Netzwerke sicherlich noch stärker werden. Das Faszinierende, betont Kellner, seien die verschiedenen Herangehensweisen an das Medium Bild, die unterschiedlichen Bildsprachen verschiedener Kulturkreise: „Fotografie kann hier Vermittlungsarbeit leisten.“

Der Bandbreite fotografischer Kontexte versucht Kellner auch durch die Besetzung der diesmal sechsköpfigen Jury gerecht zu werden, in der außer ihm Kuratorinnen, Journalisten und Galeristen vertreten sind. Bewerberinnen und Bewerber können ohne Themenvorgaben Beiträge ihrer eigenen Wahl einreichen. Wenn die Jury ihre Wahl getroffen hat, schaut Kellner „wo man Verwandtschaften findet“ und formuliert so den Titel der Ausstellung.

„Traces“ – Spuren ist der Begriff, der über der Selection 2013 steht. Beim der Berlinerin Manuela Höfer sind es Spuren der Chemikalien, die Flecken und Farbverläufe auf dem Papier hinterlassen haben, auf dem wie in einer gräulich-bräunlichen Nebelwand die Konturen und Spitzenmuster eines Unterwäschestücks zu sehen sind. Die Arbeit ist ein Fotogramm – entstanden durch die direkte Belichtung des lichtempfindlichen Untergrunds.

Wer oder was hinterlässt Spuren?

Ein Novum im Network ist das Diptychon „domestic“ der US-Amerikanerin Rebecca Webb. „Ich habe zum ersten Mal eine Teilnehmerin zugelassen, die mich von sich aus kontaktiert hat“, erklärt Kellner; schließlich ist das Projekt dadurch gekennzeichnet, dass der Initiator die Bewerber persönlich kennt. Doch der Beitrag von Webb habe ihn „total überrascht, weil sie sehr offen lässt, um welche Geschichte es geht“: Das linke Bild zeigt ein kleines Häuschen in einer ärmlichen Siedlung. Auf dem rechten Bild ist der Körper einer jungen Frau in Unterwäsche zu sehen, ohne Kopf. Gibt es Spuren von Missbrauch? Von einem besonderen Erlebnis? Gibt es überhaupt Spuren, die dem Betrachter etwas über ein Geschehen verraten?

Offensichtlicher sind die Spuren – in diesem Fall die Spuren der Zeit – auf „Europe in Blue 2“ von Evzen Sobek aus Tschechien zu erkennen. Ein Paar steht gut gelaunt an einem Strand, der Haut ihrer Körper ist das Alter deutlich anzusehen. Das unbestimmt Ungewöhnliche, das Betrachter bei dem Anblick empfinden mögen, bringt Kellner auf den Punkt: „Wir merken daran, das wir uns an junge Menschen gewöhnen – weil die sonst immer abgebildet werden.“

 
 

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