Der Zoo am Rande des Konzentrationslagers

Florian Adam
Die vier Erzählerinnen schlüpfen auf der Bühne laufend in wechselnde Rolle: Mal sind sie Menschen, mal Tiere – hier Paviane (links) und schwarze Schwäne (rechts).
Die vier Erzählerinnen schlüpfen auf der Bühne laufend in wechselnde Rolle: Mal sind sie Menschen, mal Tiere – hier Paviane (links) und schwarze Schwäne (rechts).
Foto: WP
Die Theatergruppe „Gee whiz!“ der Gesamtschule Eiserfeld zeigt „Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaute“: Das Grauen.

Eiserfeld.  Er ist tot. „Der dicke Mann mit dem Ast auf der Nase“, präzisiert das Murmeltiermädchen, als es seiner Mutter von seinem Fund erzählt. Was genau es war, das den Dickhäuter umbrachte, ist unklar. Aber ziemlich sicher hat es etwas mit dem zu tun, „Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaute“: So der Titel des Stücks, das die Theatergruppe „Gee whiz!“ der Gesamtschule Eiserfeld ab dem heutigen Dienstag in der Aula zeigt.

Geschichte

Der Blick vom Nashorngehege fällt geradewegs auf das Konzentrationslager Buchenwald. Autor Jens Raschke aus Kiel baut sein Stück – 2014 mit dem deutschen Kindertheaterpreis ausgezeichnet – auf einer bizarren Absurdität aus der Zeit des Naziregimes auf: 1938 wurde direkt am Zaun des Konzentrationslagers ein Zoo gebaut, zum Amusement der KZ-Aufseher, ihrer Familien und der Weimarer Bevölkerung. Seit den 90er Jahren sind Teile des verschütteten Tierparks freigelegt und heute wieder zugänglich.

Handlung

Die Hauptpersonen des Stücks sind sprechende Tiere. Sie schildern die Abläufe aus einer oft kindlichen Sicht, sprechen von „Gestiefelten“ und „Gestreiften“: „Die Gestiefelten sind die Bosse“, sagen die Paviane. „Die Gestreiften sind gar nichts.“ Das Leben im Zoo ist für die Tiere komfortabel, solange sie sich um die Situation nicht scheren. Doch als ein in Sibirien gefangener Bär dazustößt, stellt er Fragen; nach den dürren, gestreiften „Zebrawesen“ auf der andere Seite des Zauns, nach dem widerlichen Geruch nach verbranntem Fleisch.

Bären und Paviane

„Es geht prinzipiell um die Frage: Bin ich ein Bär oder ein Pavian?“, sagt Lutz Krämer, Lehrer an der Gesamtschule und Regisseur. Die Paviane und ihre tierische Gefolgschaft arrangieren sich mit den Gegebenheiten, halten die SS-Leute bei Laune, genießen das gute Futter und sagen offen: „Nicht auffallen und nicht zu neugierig sein.“ Die Frage, ob wirkliche Ignoranz und Mitleidlosigkeit dahintersteckt, oder vielleicht doch nackte Angst, bleibt offen. Natürlich ist der Bär der Sympathieträger, er verschließt sich nicht vor dem Elend, empfindet Mitgefühl und entschließt sich, zu handeln. Theorethisch wird sich der Großteil des Publikums spontan mit dem Bären identifizieren wollen. Aber die Frage bleibt: Wer würde in einer solchen Situation wirklich wie der Bär handeln? Es ist kein rein historisches Gedankenspiel, ist Krämer überzeugt: „Zäune haben wir wieder genug, auch in Europa.“

Wirkung

Die Grundstimmung ist melancholisch, auf der dunklen Bühne stehen Koffer im Hintergrund; ein Element, das an Dokumentationen aus Konzentrationslagern erinnert. Die Tiere – und die Erzählerinnen, die immer wieder auch in deren Rollen schlüpfen – reden über das Geschehen in einer einfachen, etwas unbedarften Sprache, einschließlich der Beschreibung von willkürlichen Erschießungen von KZ-Insassen oder Todesszenen am Starkstromzaun. Der Widerspruch zwischen Form und Inhalt macht die Schilderungen um so schauerlicher. Geschrieben, so Lutz Krämer, sei das Stück „eigentlich für Kinder“. Aber für Erwachsene funktioniert es genauso – mit dem Wissen um die deutsche Geschichte vielleicht sogar erst recht.

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Die Premiere am heutigen Dienstag ab 19 Uhr ist ausverkauft. Für die zweite Aufführung am Donnerstag, ebenfalls ab 19 Uhr, gibt es aber noch Karten.

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