Der Schreck der Sprayer-Szene aus dem Siegerland

Ilka Wiese
Wer ist Ella? Der Kampf gegen Graffitis ist ein Katz- und Mausspiel.
Wer ist Ella? Der Kampf gegen Graffitis ist ein Katz- und Mausspiel.
Foto: Privat
Unsinniges und Liebeserklärungen, Rechtschreibfehler und Politisches – Thilo Nagler entfernt Graffiti im Siegerland und vom Westerwald bis ins Bergische,

Geisweid.  Männer mit Maschinengewehren standen hinter Thilo Nagler, als er auf der Konrad-Adenauer-Allee Farbe von einer Sandsteinmauer entfernte. Einer der ersten Einsatzorte als Graffitientferner war nämlich 1999 am Bundeskanzleramt in Bonn.

Nagler, heute 37, finanzierte mit diesem Job erst sein Abitur, dann das Studium und nun die Promotion. Im Siegerland ist er der einzige hauptberufliche Graffitientferner.

Der Anfang

Nach seiner Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann wurde er nicht bei Karstadt übernommen. „Was machste jetzt?“, fragte sich Thilo Nagler, gern wollte er sich selbstständig machen, allerdings hatte er nur 5000 Mark Startkapital. Im MDR sah er einen Beitrag über einen Graffitibeseitiger. Nagler besorgte sich einen ein Meter hohen Stapel an Informationen und entschied sich: Das machst du. Er knüpfte Kontakte zu einer Firma nahe Heidelberg, die ihm heute noch das Reinigungs-Material liefert, kaufte sich einen Hochdruckreiniger und einen Lieferwagen und klopfte beim Hochbauamt der Stadt Siegen an. Sein erster Job war an der Waldschule in Geiweid.

Die Arbeit

„Wer mit der Wurzelbürste versucht ein kleines, blaues Graffiti zu entfernen, hat nachher nur einen großen, hellblauen Fleck“, erklärt Thilo Nagler. Die Farbe verteilt sich lediglich. Deshalb arbeitet er zunächst mit einem farblösenden Reinigungsmittel und dann mit einem Hochdruckreiniger, der heißes Wasser in den Stein spült. Dieser Vorgang wird so häufig wiederholt, bis von der Farbe nichts mehr zu sehen ist. Die Methode wird immer angepasst, denn „es gibt 80 Untergründe und 60 Farbarten“.

Die Aufträge

Während des Interviews kommt ein neuer Auftrag per Mail rein. Auf dem Foto ist eine Haustür zu sehen, über die jemand blutrote Farbe gekippt hat. Eine Botschaft. Am Telefon wird Nagler regelmäßig erst einmal beschimpft. „Die Kunden wollen zuerst ihren Frust loswerden. Nur bin ich da ja der falsche Ansprechpartner.“ Zu den Kunden gehören Privatleute, die meisten sind

jedoch öffentliche Auftraggeber. An so gut wie jeder Schule in Siegen war Nagler deshalb schon unterwegs. Entfernte Unsinniges und heiße Liebeserklärungen, Rechtschreibfehler und Politisches, Geschriebenes mit Edding oder Lippenstift, vom Westerwald bis ins Bergische, an Zügen der Hellertalbahn, am Kunstobjekt „Ruhender Verkehr“ aus Beton vor dem Rheinischen Landesmuseum in Bonn und auf der HTS von Ferndorf bis zum Ziegenbergtunnel. Dort reinigte Nagler im letzten Sommer allein 1500 Quadratmeter. „Aber es sind schon wieder neue Graffiti da. In Eiserfeld zum Beispiel, wo es zur Autobahn hoch geht“, sagt er. Seit er den Job hat sich die Sicht auf Wände verändert.

Die Szene

„Graffiti sollten so schnell wie möglich entfernt werden“, rät Thilo Nagler. Je länger der Schriftzug an den Wänden bleibt, desto größer ist die Aufmerksamkeit für den Sprüher. Denn darum drehe sich in der Szene jede Menge. In der BlueBox sprach Nagler einmal mit dem Leiter eines Graffiti-Workshops, um die sprühenden Jungs und Mädels besser zu verstehen. „Das Sprühen ist eine Form der Meinungsäußerung

„Sprühen auf öffentliche Gebäude ist eine Sachbeschädigung.“ Sprayer hätten jedoch eine etwas andere Rechtsauslegung. „Sie sehen es eher so, dass öffentliche Gebäude auch ihnen gehören und sie deshalb auch das Recht darauf haben, sie zu verschönern.“ Ab vier Grad Außentemperatur beginnt die Saison bei den Sprühern.

Oft wird Nagler auch gefragt, wie es die Graffitisprüher schaffen, ein riesiges Werk fast unbemerkt zu sprühen. „Der Trick ist der Sprühkopf“, so Nagler. Oft würden Sprühköpfe von Haarspraydosen verwendet – die haben einen größeren Sprühwinkel. „Und die Dosen klackern beim Schütteln übrigens nicht, weil die Metallkugel von unten mit einem Magneten fixiert wird.“

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