Der Schock über die Misshandlungen wirkt nach in Burbach

Foto: Hendrik Schulz
Eigentlich waren sie genau davor geflohen. „Man könnte denken, ich bin noch in Syrien, dass so etwas passiert“, klagt der junge Mann. Er meint die am Sonntag veröffentlichten Aufnahmen von Misshandlungen und Demütigungen an Flüchtlingen in der alten Siegerlandkaserne in Burbach durch das Sicherheitspersonal.

Burbach. Aufnahmen von Misshandlungen und Demütigungen an Flüchtlingen in der alten Siegerlandkaserne in Burbach durch das Sicherheitspersonal haben für Aufregung und Empörung gesorgt. Manche Asylsuchende erheben darüber hinaus Vorwürfe. Ein Lagerbericht über die Situation in Burbach.

Kinder spielen zwischen den ehemaligen Mannschaftsunterkünften der stillgelegten Kaserne, ein Vater bringt seinem Sohn das Radfahren bei. Auf einer Wiese sitzt eine junge Frau und telefoniert mit breitem Lächeln. Friedliche Bilder. Die so gar nicht passen wollen zu dem, was manche Bewohner erzählen.

Der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger, der am Montagmittag die Flüchtlingsunterkunft zusammen mit Regierungspräsident Gerd Bollermann besuchte, wird später vor Pressevertretern sagen, dass ihm die Gespräche mit den Bewohnern der Unterkunft mit am Wichtigsten an diesem Tag waren. „Es ist unter ihnen eine Erleichterung spürbar, dass ihnen geglaubt wird.“

Der ehemalige syrische Student möchte seinen Namen nicht nennen. Unter seinem struppigen Bart ein weiches Gesicht. Er erzählt, wie sie wochenlang im Ungewissen gelassen würden über ihre Zukunft. Ein Mann mischt sich ein. „Animale“, ruft er erregt. „Animale“, immer wieder.

Wie die Tiere würden sie hier hausen. Zu viele Menschen in den Zimmern. Zuletzt hatten bis zu 700 Männer, Frauen und Kinder hier gewohnt. Derzeit sind es 545. Das ist die Kapazitätsgrenze, die genannt wurde, als die Unterkunft vor einem Jahr eröffnet wurde.

Geschockte Einwohner in Burbach

Ortswechsel. Burbach Ortsmitte. Gut 14 000 Einwohner. Ein malerischer Ort. Ein Brunnen plätschert nahe der weiß getünchten Kirche. Schüler mit bunten Ranzen strömen aus dem Bus. „Abartig“, findet Sofie Quandel (13) die Aufnahmen, die die Misshandlungen zeigen. Ihr Vater hat nahe der ehemaligen Siegerlandkaserne eine Immobilie gemietet. „Die Menschen können doch nichts dafür, dass sie hier sind“, sagt sie.

Bilder wie in Guantanamo haben Eindruck hinterlassen

„Unmöglich, so mit Leuten umzugehen“, erregt sich Heidrun Hülscher (51). „Wie Guantanamo“, ergänzt ihre Mutter Lieselotte (74), „furchtbar“. Die Bilder von dem Mann, der von zwei Wachmännern misshandelt wird, haben Eindruck hinterlassen. Der Burbacher Bürgermeister Christoph Ewers ist genauso geschockt. „In diesem Zusammenhang in allen Gazetten deutschlandweit genannt zu werden ist natürlich nicht schön“, sagt er kopfschüttelnd.

Flüchtlinge erzählen von weiteren Übergriffen durch den Wachdienst

Manche der Menschen in der Flüchtlingsunterkunft wissen auch von weiteren Übergriffen des alten Wachdienstes zu erzählen. Ein Mann habe mit einem Wasserglas die Zentralkantine verlassen. Sicherheitsleute hätten ihn zu Boden geworfen, in Handschellen abgeführt. Als ein anderer Kleidung verlangte, sei ihm gesagt worden, er solle doch zu Assad zurückgehen.

Nicht nur vereinzelt werfen Flüchtlinge dem Einrichtungspersonal vor, mit der Situation überfordert zu sein. Viele Asylbewerber seien deutlich länger als nur ein paar Tage da – teilweise seit zwei Monaten. Die medizinische Versorgung lasse zu wünschen übrig, sagen manche. Harte Vorwürfe, die Einrichtungsleiter Ricardo Sichert so nicht stehen lassen möchte.

Die meisten Männer und Frauen waren sehr freundlich

Andere haben zumindest von physischer Gewalt des ehemaligen Sicherheitspersonals nichts mitbekommen. Chaker Abdel Salam glaubt das Opfer von dem Foto, das die Misshandlung zeigt, zu kennen. Auch wenn er nicht glauben kann, dass das hier in Burbach passiert sei. Allerdings hätten einige von den alten Securitymännern „bad attitude“ gehabt, seien aggressiv aufgetreten. „Aber die meisten der Männer und Frauen waren sehr freundlich“, betont er.

Eine Einschätzung, die auch der Siegen-Wittgensteiner Landrat Andreas Müller nach Gesprächen mit einigen Asylbewerbern bekommen hat. „Es deutet vieles darauf hin, dass es sich um Einzelfälle handelt und keine Systematik dahinter gesteckt hat.“

 
 

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