Der Nachwuchs in der Pflege wird knapp

Etwa 90 Prozent des Pflegepersonals am Jung Stilling sind examinierte Kräfte.
Etwa 90 Prozent des Pflegepersonals am Jung Stilling sind examinierte Kräfte.
Foto: Hendrik Schulz
Der Bedarf an qualifiziertem Pflegepersonal wird sich wohl bis 2050 verdoppeln. Über 2 Millionen Menschen sind heute über 80 Jahre alt, etwa die Hälfte davon pflegebedürftig. Doch während sich die Zahl der Pflegebedürftigen verdoppeln wird, wird es weniger Nachwuchs geben, der bereit ist, die Pflege zu übernehmen.

Siegen.. Der Bedarf an qualifiziertem Pflegepersonal wird sich wohl bis 2050 verdoppeln. Über 2 Millionen Menschen sind heute über 80 Jahre alt, etwa die Hälfte davon pflegebedürftig.

Diese Zahl wird sich verdreifachen, gleichzeitig wird es weniger Nachwuchskräfte geben. 2006 kamen an der Krankenpflegeschule der Diakonie Südwestfalen 750 Bewerber auf 50 Stellen, heute sind es noch 400. Damit steht die Region immer noch gut da, aber ein Trend lässt sich bereits ablesen. „Die kommenden Jahre werden schwierig“, sagt Dr. Josef Rosenbauer, Diakonie-Geschäftsführer.

Am Mittwoch kippte das europäische Parlament den umstrittenen Plan der EU-Kommission, als Eingangsvoraussetzung für Pflegeberufe europaweit 12 Jahre allgemeine Schulpflicht einzuführen. „Natürlich soll es auch in der Krankenpflege eine gemeinsame Basis aller Länder geben“, so der Europaabgeordnete Dr. Peter Liese. „Ob jemand ein guter Pfleger ist, hängt aber nicht zwangsläufig von der Zahl der Schuljahre, sondern entscheidend von der Persönlichkeit und Begabung ab.“ Der studierte Mediziner Liese hatte sich mit den Krankenhäusern der Region früh gegen das Vorhaben gewandt.

Dämpfer für Akademisierung

„Pfleger ist ein anspruchsvoller Beruf, der ideale Bewerber ist in der Tat 18 Jahre alt“, so Liese, allerdings sei es falsch, die Eignung an die Zahl der Schuljahre zu knüpfen. „Man muss dem Menschen und der Situation vor Ort gerecht werden.“ Wäre das Parlament dem Ansinnen der Kommission gefolgt, wäre etwa Warstein in arge Bedrängnis gekommen, wo vorwiegend Realschüler den Pflegeberuf ergreifen – nach 10 Jahren Schule.

Damit wird der zunehmenden Akademisierung des Berufs ein Dämpfer verpasst. Liese: „In Deutschland hat sich das System der beruflichen Bildung bewährt.“ Zudem gebe es zahlreiche Möglichkeiten der trägerfinanzierten Weiterbildung für Pflegepersonal, auch an Hochschulen, wie Frank Fehlauer, Leiter der Krankenpflegeschule der Diakonie, anmerkt.

Berufsbild attraktiver machen

Statt zusätzliche Hürden aufzustellen, müsse der Pflegeberuf deutlich attraktiver werden. „Wir stehen in ernstem Wettbewerb um Nachwuchs“, so Fehlauer – die Industrie kann besser zahlen. Zwar ist das Ausbildungsgehalt mit eingangs 900 Euro hoch, Steigerungsmöglichkeiten aber nur beschränkt vorhanden. „Eine Stationsleitung verdient 2900 brutto“, sagt der Pflegedienstleiter der Jung-Stilling-Klinik, Wolfgang Müller.

Auch so ein Knackpunkt: Dokumentation. „Für bestimmte Sachen muss man den Patienten gesehen haben, aber wir dokumentieren uns zu Tode. Es geht um Menschen, die passen nicht immer in ein Raster“, so Liese.

Für Personal steht ein Budget bereit, mit dem eine Klink auskommen muss, wie Rosenbauer erklärt. Er fordert einen größeren Topf und andere Verteilung: Ein Arzt, der Nachwuchsmediziner bei der OP ausbildet, braucht mehr Zeit als im System vorgesehen. Er würde auch gern mehr Absolventen einstellen, „die sind gut ausgebildet und motiviert.“ Aber das Geld fehlt. Die Politik muss eine Lösung finden, das Gesundheitssystem zu finanzieren und medizinische Berufe vernünftig zu bezahlen.

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