Der Film, der nur einmal ausgestrahlt wurde

Kölner Straße in 1965/66
Kölner Straße in 1965/66
Foto: Mundus.tv
Nur ein einziges Mal wurde der Film „Siegen – Notizen zu einer Stadt“ beim WDR ausgestrahlt und dann unter Verschluss gehalten. Zu groß war der Ärger, der im Siegerland entflammte, als das Stadt- und Menschenporträt von Heinrich Vormweg am 17. Juni 1966 ausgestrahlt wurde.

Siegen.  Alexander Fischbach, Inhaber von mundus.tv, hat nun die Lizenzrechte an dem Film über Vormwegs Söhne erlangt und kam so an eine Kopie aus dem WDR-Filmarchiv. Ab sofort ist die DVD im Buchhandel erhältlich.

Warum wurde der Film nur ein Mal gezeigt?

Heinrich Vormweg beschreibt im Jahr 1966 das Verhältnis der Siegener und Siegerländer zu Besitz, Arbeit und Religion. Er erklärt, wie aus der Siegerländer Gemeinschaftbewegung ein „calvinistisches Sektenland par excellence“ wurde. Wo das kulturelle Leben ausschließlich ins Vereinshaus verlegt wird, Spaß verpönt ist und Menschen von außen – selbst wenn sie nur aus dem Nachbarort kommen – zurückhaltend begegnet wird.

Es galt zu viele Geheimnisse zu bewahren – beruflicher und persönlicher Art. Lokalpolitiker kommen zu Wort, lesen ihre O-Töne spröde von Blättern ab, vermutlich ohne zu wissen, in welchen Kontext ihre Zitate später gesetzt werden. Auch Künstler Reinhold Köhler findet kein gutes Wort für die Stadt. Der Siegener, so mag der Betrachter meinen, ist eigenbrötlerisch und (noch) ohne Autobahn so weit ab von der Welt – nicht nur geografisch. Immerhin: Ein Theater sei geplant. So wollten sich die Siegerländer nicht sehen. Der Film galt lange als verschollen. Auch die 16mm-Kopie der Stadt Siegen ist verschwunden.

Wer war Heinrich Vormweg?

Heinrich Vormweg wurde 1928 in Geisweid geboren, studierte Germanistik in Bonn und zog später ins Rheinland nach Köln. Im Siegerland galt er nach dem Film als Persona non grata. Vormweg leitete das Feuilleton-Ressort der Deutschen Zeitung und arbeitete später als freier Autor und Literaturkritiker für die Süddeutsche Zeitung und als Filmemacher für den WDR. Für seine unbequemen, ungeschminkten Wahrheiten war er bekannt. Die Zeit schrieb in seinem Nachruf 2004, er „war politisch ein Linker und ästhetisch ein Avantgardist... Er war kein Urteilskritiker oder Effektschreiber, sondern er versuchte, die Texte aus ihrer eigenen Logik zu verstehen und verständlich zu machen, ein Mann also, dem die Literatur viel verdankt, und auch die Kritik.“

Was sagt der Herausgeber der DVD Alexander Fischbach, Inhaber von mundus.tv zu dem Film?

„Ich selbst bin Siegerländer, ich müsste mich also auch von den Aussagen beleidigt fühlen. Bin ich aber nicht. Damals waren die Aussagen allerdings eine Bombe.“ Der Film sei wegen Vormwegs Betrachtungen zum Verhältnis des Siegerländers zu seiner Religion und Arbeit spannend, allerdings auch wegen der vielen Ansichten aus dem Siegen der 60er Jahre. Zu sehen ist zum Beispiel die Siegener Kreisbahn, die Innenstadt ohne die Siegplatte oder die belebte Oberstadt.

Was sagt die Redaktion zum Film?

Aus heutiger Sicht erscheinen die Aussagen Vormwegs in vieler Hinsicht als Wiedergabe von Klischees: danach braucht es drei Generationen, um als Siegerländer gesehen zu werden, zum Beispiel. Manches jedoch hat auch heute noch Bestand: Hier sei nur die starke Ausprägung der Freikirchen genannt. Aber genau dieser Vergleich zu heute macht den Film so spannend. Siegen ohne Siegplatte, wo sich Henner und Frieder gegenüberstehen, die rappelvolle Oberstadt oder auch nur die alten VW-Käfer, akkurat gekämmte Schmalzlocken und die Minikleider bei den Frauen. Ein Höhepunkt ist der Blick in den Saal der Siegerlandhalle: „Den kenne ich!“ Da steht plötzlich Florian Adams Lehrer Reimar Bruch als Musiker auf der Bühne. Die Oranien Street Sounders heizten beim Tanz für die Jugend ein.

Den Film „Siegen – Notizen zu einer Stadt“ gibt es ab sofort in den Buchläden im Siegerland, auch in unserem Leserladen in der der Mayer’schen Buchhandlung.

Bestellung auch unter 0271/6 81 96 06. Die DVD kostet 25 Euro, Spielzeit: 45 Minuten.