Der diskrete Charme der Provinz

Siegen..  Siegen mit allen Facetten, Entwicklungen, seiner Geschichte, Gegenwart und Zukunft in 60 Minuten. Geht das? Bürgermeister Steffen Mues war skeptisch und fragte sich: „Was wird das werden?“ Doch die Skepsis wich schnell, als er in einem Gespräch mit Autor Michael Wieseler hörte, dass der Siegen-Film nicht, wie die 15 anderen WDR-Filme über NRW-Städte, im Jahr 2000 enden, sondern auch die Entwicklung bis in die Gegenwart darstellen sollte. Mues: „Kaum eine andere Stadt hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten so verändert wie Siegen.“

Michael Wieseler, der auch den Film über Mönchengladbach gedreht hatte, brauchte ein halbes Jahr, um das Siegen-Portrait vom Entwurf bis zur Endfassung fertigzustellen. Nur zwei Themen hat er ausgespart: Das Museum im Oberen Schloss und Sportfreunde Siegen.

Der Themenquerschnitt ist beeindruckend: Frömmigkeit, Pietismus und teilweise auch geistige Enge, Bilder des Schreckens nach der Bombardierung am 16. Dezember 1944, Ausschnitte aus dem Hollywood-Erfolgsfilm „Monuments-Man“ mit George Clooney, der die Entdeckung der im Hainer Stollen gelagerten Kunstschätze zeigt.

Das modernste Parkhaus der Welt

Erstaunliches ist zu hören: 300 000 Flüchtlinge erreichten in den ersten Nachkriegsjahren das Siegerland – und alle kamen unter, in Lagern wie auch Privathäusern.

Natürlich wird das Thema Fußball nicht ausgespart. Der TSV Siegen war in den 80er und 90er Jahren der FC Bayern München des Frauenfußballs: Sechsmal Deutscher Meister und ebenso oft Pokalsieger. Die Trophäen im TSV-Vereinsheim in Trupbach zeugen noch heute von dieser ruhmreichen Vergangenheit. Aber wer weiß noch, dass in Siegens Friedrichstraße einst das modernste Parkhaus der Welt stand? Man gab sein Auto ab, das durch ein ausgeklügeltes Transportsystem im Haus verschwand und auf Knopfdruck wieder herauskam. Diese Episode dauerte aber nur vier Monate.

Und immer wieder bekannte Siegerländer Köpfe: IG-Metall-Chef Detlev Wetzel, Unternehmer Klaus Vetter, Autor Navid Kermani, Bürgermeister Steffen Mues, Apollo-Intendant Magnus Reitschuster, Fußballerin Emmi Winkler und Café-Inhaberin Susi Sözen, die mit kurzen Kommentaren dem Film ein Gesicht geben. Doch kein Name wird so oft erwähnt und kein Hut so oft gezeigt wie der von Hanjo Seißler, jenem aus Siegen stammenden Journalisten.

Rückkehr des Siegen-Kritikers

Der schrieb 1996 mit seinem berühmt-berüchtigten und sich am Rande der Arroganz bewegenden Artikel in der Süddeutschen Zeitung seine ehemalige Heimatstadt in Grund und Boden. Aber auch er hat durch einen Besuch Siegens im Sommer 2014 gemerkt, welche rasanten Veränderungen inzwischen passiert sind: Von einer fast sterbenden Gegend zur Universitätsstadt mit kultureller Vielfalt und zu einer führenden Wirtschaftsregion Deutschlands, und das alles eingebettet in eine grüne, weil regenverwöhnte Mittelgebirgslandschaft.

Viele Hundert Siegerländer im Apollo-Theater gerieten ins Staunen und schwelgten in Erinnerungen angesichts dieses informativen und einfühlsam von der heimischen Kabarettistin und Schauspielerin Christa Weigand kommentierten Porträts ihrer Heimatstadt und überschütteten den Autor Michael Wieseler mit Beifall.

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